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Oliver Kahn (hier mit Verena Kerth) war auch in seinem Privatleben für Schlagzeilen gut © getty

Exklusiv für Sport1.de beschreibt sein langjähriger Weggefährte Conny Konzack die andere Seite von Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn.

Von Conny Konzack*

Wenn man Golffreunde anspricht, sind sie in Sachen Oliver Kahn einer Meinung - sein Ehrgeiz ist sein Handicap. Auch wenn Kahns numerisches Handicap (beachtliche 9) immer besser wurde, meinte Franz Beckenbauer unlängst mit seiner bekannten Ironie: "Wenn er so weiter macht, wird er bald mal alleine spielen."

Wenn er was weitermacht, möchte man den Fußball-Kaiser gern fragen?

Nun ja: Kahn ist Perfektionist. Auch im Hobby. Soll heißen: Akribischer als es Bernhard Langer je machte, umschleicht Kahn beim Putten jeden Golfball auf dem Grün viermal von allen Seiten, bis.... die Mitspieler schließlich gähnen. Das ging unlängst auch Hansi Hinterseer Co. so - allesamt übrigens bessere Golfer als der "Olli".

Der aber hat hohe Ansprüche. Wie im Tor eben. Die beste Leistung ist gerade mal gut genug. Das ehrt ihn. Der Golfer Kahn träumt von einem Null-Handicap - da fängt Profigolfen für ihn wohl erst an. Und Profi will er auch in langen Hosen bleiben.

Auch wenn er mal einen (verbalen) Ball zweimal wieder einfangen musste - Oliver Kahn bleibt immer irgendwie authentisch. Im Guten wie im Bösen. Als Titan und als Vulkan.

Etwa 2006, im WM-Jahr. Kahn war (noch) im DFB-Kader. Und ich, damals Sportchef bei BUNTE, bekam plötzlich von ihm die unverhoffte Offerte: "Komm doch zur Nationalmannschaft. Dann gebe ich Dir mal wieder ein Interview."

Das war nett von ihm - angesichts der Tatsache, dass Kahn bis dato einer bunten Illustrierten lange kein Interview mehr gewährt hatte. Weil sein (Privat-) Leben damals Jojo spielte...

Ich flog also nach Düsseldorf, wo Klinsmanns WM-Kader im Fünf-Sterne-Hotel logierte. Kahns Zimmer war nüchtern, das Gespräch aber voller Leben - und Leiden. Kahn redete sich in Rage, ignorierte sogar dreimal Klinsmanns Appell zum Team-Essen (unter Androhung von Strafe) - er wollte aber einfach nicht aufhören.

Es war die Abrechnung - mit seinem eigenen Leben. Kahn damals: "Ich glaube, ich habe sportlich viel richtig gemacht. Auch wenn mir mein eigener Ehrgeiz vielleicht auch mal im Wege stand. Aber wenn ich eines könnte, dann würde ich die zwei Jahre gerne aus meinem Leben löschen."

An diese zwei Jahre erinnere ich mich nur allzu genau: Kahn, der Sport-Profi, saß oft bis in die Morgenstunden in einer Disco - und himmelte eine Bardame an, die (ziemlich) blond war. Während seine Ehefrau kurz vor der Geburt des zweiten Kindes stand. Ein Medien-Ereignis, Stoff für Seite 1.

Die Bilder gingen um die Welt: Kahn sitzt in der Disco, Kahn kommt früh morgens aus dem Apartment der Geliebten, den Kulturbeutel unterm Arm. Kahn parkt seinen feuerroten Ferrari vor einer Kneipe auf dem Gehweg. Alles im Bild. Und vor allem: In BILD.

Der Intelligente, Gebildete und Verehrte hatte damals sein Leben lange nicht so im Griff wie den Fußball. Wenigstens da blieb er Voll-Profi.

Das Interview über Kahns Lebensbeichte wurde damals 400 Zeilen lang. Ums Doppelte zu viel. Kahns Berater "modifizierte" das auf Tonband Festgehaltene noch einige Male - es blieb aber eine authentische Beichte, bei der dem harten Titan offenbar ein Stein vom weichen Herzen fiel.

Es musste eben alles mal raus. Selbst Kleinigkeiten wie sein Großmaul: "Ich hasse mich selbst, wenn ich Bilder von mir mit weit aufgerissenem Mund sehe."

Zeitblende: Heute schätzt Oliver Kahn jene Medien, die ihn mit groß machten. Auch wenn sie nie seine wahren Freunde geworden sind. Weil er weiß: Auch im "zweiten Leben" braucht man Sponsoren. Und die wiederum brauchen Öffentlichkeit.

Wie sagte Kahn doch noch kurz vor seinem Abschiedsspiel? "Der Fußball ist eine wunderbare Schule des Lebens gewesen."

Kahn hat sich selbst damals - und seine Familie heute - vor dem Abseits gerettet. Vielleicht war das seine größte Tat.

* Sport1-Mitarbeiter Conny Konzack kennt Oliver Kahn aus seiner Tätigkeit als langjähriger Sportchef der BUNTE seit fast 20 Jahren

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