Vor 15 Jahren holte Franziska van Almsick in Rom WM-Gold, obwohl sie eigentlich schon im Vorlauf ausgeschieden war.

Ein denkwürdiger Tag vor fast 15 Jahren. Während bei der derzeit laufenden Schwimm-WM in Rom Paul Biedermann bereits zwei Weltmeistertitel erobert hat, schien an diesem 6. September 1994 ein ganz großer Gold-Traum zu platzen.

Der von Franziska van Almsick. Ich saß im Auto und hörte Radio. Die erste Nachricht über den Rundfunk sorgte für Erstaunen und einen kleinen Schreck.

"Die deutsche Mitfavoritin Franziska van Almsick hat im Vorlauf über 200 Meter Freistil bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Rom die Teilnahme am Finale am Abend verpasst. Die Berlinerin kam nur auf die neuntbeste Zeit. Dagegen steht Dagmar Hase als Achte im Endlauf.?

Ratlosigkeit nicht nur beim Schreiber. 2:01,55 Minuten hatten nicht gereicht. Franzi war raus. Aus und vorbei!

Doch was dann geschah, hielt eine ganze Nation vor dem Rundfunk und den TV-Schirmen in Atem. Zumindest bis 18.28 Uhr.

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Fast halbstündlich kamen nach diesem Vorlauf am Vormittag neue Nachrichten aus Rom. Plötzlich wurde vermeldet: "Franziska van Almsick steht doch m Finale. Die Teamkollegin Dagmar Hase hat auf ihre Finalteilnahme verzichtet. Van Almsick rückt in den Endlauf nach."

Wieder Ratlosigkeit beim Schreiber. Was war geschehen?

Wieder eine neue Nachricht im Rundfunk: "Dagmar Hase, die Olympiasiegerin über 400 Meter Freistil, hat nach einer Besprechung mit Trainer Bernd Henneberg und Sportwart Ralf Beckmann auf ihr Startrecht verzichtet.

Die Entscheidung musste innerhalb der ersten 30 Minuten nach dem Ende der Vorläufe fallen. Dagmar Hase trat zurück, weil sie sich über 200 Meter keine Chancen ausrechnete und van Almsick mehr zutraut."

Die Spekulationen schossen ins Kraut. Ist da Geld geflossen? Wie weit hatte van-Almsick-Manager Werner Köster seine Hände im Spiel? Die internationalen Medien meldeten: "Da ist was faul."

Sie behaupteten, Dagmar Hase, die immer im Schatten der großen Franzi stand, sei bestochen worden.

Werner Köster gab in Rundfunk- und TV-Interviews immer wieder Rechtfertigungen zum Besten: "Ich habe kein Geld geboten. Ich hatte während der Entscheidung gar keinen Kontakt mit Dagmar Hase."

Stunden um Stunden vergingen. Hinter den Kulissen redeten Eltern, Trainer Paul Lindemann, Freund Steffen Zesner und Köster auf Franzi ein.

"Ich habe das nicht verdient", saß sie heulend im Hotel. Vier Stunden lang dauerte die Überzeugungsarbeit. Dann erklärte sich Franzi zum Start: "Ich erinnere mich an jeden Moment, dabei wollte ich eigentlich gar nicht schwimmen. Ich habe mich sehr lange dagegen gewehrt", sagt sich Franzi heute.

Als van Almsick dann nach den Turbulenzen des Tages auf der Außenbahn um kurz vor halb sieben auf dem Startblock steht, setzt kaum einer einen Heller auf die Deutsche.

Doch bei ihr scheint sich alles aufgeladen zu haben. Was dann geschah, sorgte weltweit für Aufsehen. Im Stadion, vor den TV-Schirmen. Van Almsick legt los wie die Feuerwehr, hält schon knapp die Spitze im Kampf gegen die starke Chinesin Bin Lu. Nach der letzten Wende liegen beide fast gleichauf.

Die Fans toben, sie glauben kaum, was da geschieht. Dann schlägt Franzi als Erste an. Sie schaut ungläubig auf die elektronische Anzeigetafel und jubelt. 1:56,78 Minuten - ein neuer Weltrekord!

Das Rennen der Rennen vor Rom, die Wandlung der Tragödie in einen großen Triumph, wurde zum Thema des Tages. In der "ARD"-Tagesschau, in den Nachrichten-Sendungen, am anderen Tag in den Zeitungen.

Die Schwimm-Fans in Deutschland hatten mal wieder das Phänomen Franziska van Almsick erlebt.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eins bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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