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Olaf Thon(r.) und Jens Lehmann feiern das erste Feldtor eines Torwarts in der Bundesliga © imago

Nach diversen Rückschlägen zu Karriere-Beginn kämpft sich Jens Lehmann zu einem der besten Torhütern der DFB-Geschichte.

Von Nils Reschke

München - Die Spielzeit 1997/98 hielt für alle Fußball-Fans so manches Highlight bereit. Nicht zuletzt, weil mit dem 1. FC Kaiserslautern erstmals in der Historie der Bundesliga ein Aufsteiger Deutscher Meister wurde.

"König Otto? Rehhagel hatte den Bayern gleich am ersten Spieltag kräftig in die Suppe gespuckt und ließ sich am Saisonende mit der Meisterschale ein Denkmal auf dem "Betze? bauen.

Derweil feierte das Ruhrgebiet andere Helden. Borussia Dortmund holte die Champions League und wurde später auch noch Weltpokalsieger.

Schalkes "Eurofighter? gewannen den UEFA-Cup. Die Pötte waren im "Pott?. Und so kam es am 20. Spieltag ? unmittelbar vor der Winterpause ? zu einem denkwürdigen Revierderby der beiden Rivalen 70433(DIASHOW: Die Geschichte des Revierderbys). Im Mittelpunkt: Schalkes Torwart Jens Lehmann.

Kämpfer Lehmann

"Calli? Calmund würde ihn einen "positiv Bekloppten? nennen. Und damit mag das Schwergewicht richtig liegen.

Denn Jens Lehmann musste immer kämpfen. Um den Platz im Kasten von Arsenal London gleichermaßen wie um das Trikot mit der Nummer eins im Nationalteam, wo er ausgerechnet zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land den "Titan?, Oliver Kahn im DFB-Kasten beerbte.

Die Karriere bis dorthin war für den gebürtigen Essener lang und steinig. Wer weiß, so manch dünnhäutiger Fußball-Profi hätte die Brocken längst hingeworfen. Nicht aber ein Jens Lehmann.

Kreuzband-, Innenband- und Meniskusriss mit Kapselsprengung

Seinen Einstand gab er als 19-Jähriger für Schalke in Liga zwei, wo sein bevorstehendes Abitur und einige Fehler ihn zunächst allerdings auf die Bank zurückbeförderten.

In seiner dritten Saison für die Königsblauen, kassierte Lehmann dann nur 25 Gegentore und betrat erstmals mit den "Knappen? die große, bunte Bundesliga-Bühne. Doch hier wehte ein ganz anderer Wind. Und am achten Spieltag drohte seine noch junge Karriere abrupt beendet zu sein.

Mit Schalke kassierte Lehmann an jenem 26. September 1993 bei Bayer Leverkusen eine 1:6-Packung. Und zog sich dabei einen Kreuzband-, Innenband- und Meniskusriss mit Kapselsprengung zu! Er ein knappes Jahr später am 6. September 1994 feierte Lehmann sein Comeback, konnte das 1:3 gegen Eintracht Frankfurt allerdings auch nicht verhindern.

In Gelsenkirchen schrillten die Alarmglocken. Und bei den Fans lagen die Nerven blank ? was auch die Nummer eins bald zu spüren bekommen sollte.

Frieden mit den Fans

Sechs Wochen später: Am 15. Oktober führte Schalkes und Lehmanns Reise zurück ins Haberland-Stadion nach Leverkusen. Das 1:6 war noch allgegenwärtig. Und nach nicht einmal einer halben Stunden lag Königsblau erneut 0:3 im Hintertreffen.

Der Mob tobte, skandierte lautstark an die Spielerehre, forderte sogar Lehmanns Auswechslung. Tatsächlich schützte Coach Jörg Berger seinen Schlussmann, brachte Holger Gehrke. Das Spiel wurde dennoch 1:5 verloren. Davon allerdings bekam Jens Lehmann nichts mehr mit.

Mit der S-Bahn fuhr ein sichtlich gezeichneter Keeper nach Hause. Als er dann jedoch beim 1:1 in Köln zurück in den Kasten kehrte, bedeutete dies die Trendwende in seiner Karriere. Mit starken Paraden rettete er den Schalkern den Klassenerhalt, schloss Frieden mit den Fans.

Eine steile Karriere

Danach ging es steil bergauf. Jetzt zahlte sich sein Kämpferherz aus. In der Saison 1996/97 stand im UEFA-Cup auch dank Jens Lehmann die Null.

In San Siro wurde er gegen Inter Mailand der gefeierte Elfmeterheld, holte den Pott in den "Pott?. Doch das bislang bunte Bilderbuch seiner Karriere hielt für den Essener in seiner Abschiedssaison auf Schalke noch ein weiteres Kapitel bereit. Und auch das schrieb Jens Lehmann höchstpersönlich.

BVB wie entfesselt

Denn an jenem kalten Freitagabend am 19. Dezember brannte ganz Dortmund auf die Revanche für das 0:1 im Hinspiel, das Ingo Anderbrügge erst in Minute 84 besiegelt hatte. Der BVB spielte wie entfesselt, Vladimir But traf schon nach 26 Minuten.

Als Denis Klujew dann eine Viertelstunde später den Ausgleich erzielte, lag sich ganz Schalke in den Armen ? indes gerade einmal vier Minuten lang. Dann netzte Andreas Möller für die Gelb-Schwarzen ein.

Das Derby schien verloren, nicht wenige enttäuschte Gelsenkirchener verließen vorzeitig das Westfalenstadion, um diese Schmach nicht bis zum Ende erleben zu müssen. Denn die Dortmunder waren 90 Minuten lang das spielerisch dominante Team.

Der Towart macht´s mit Köpfchen

Bis Schiedsrichter Jürgen Jansen in der Nachspielzeit auf Ecke für Schalke entschied ? und damit daneben lag. Keeper Jens Lehmann war mit nach vorne geeilt, der Eckball wurde abgeblockt, fiel Thomas Linke an der Strafraumgrenze vor die Füße. Der flankte direkt, und auf einmal stand Schalkes Keeper völlig frei, nickte zum 2:2 ein.

Ein Tor zur Unsterblichkeit

Überflüssig zu erwähnen, dass die "Knappen? dieses Unentschieden wie einen Sieg feierten und auf den BVB Spott und Häme niederprasselten. Es war der überhaupt erste Treffer eine Torwarts aus dem Spiel heraus. Ein Novum in der Bundesliga, wie Lauterns Meisterschaft als Aufsteiger.

Jens Lehmann allerdings hatte sich damit unsterblich gemacht, ehe er Gelsenkirchen im Sommer in Richtung AC Milan verließ. Ein positiv Bekloppter eben, in dessen Brust ein Kämpferherz schlägt. Was er auch später noch mehrfach beweisen sollte.

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