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Ulf Kirsten (o.) wechselt aus Dresden nach Leverkusen, Matthias Sammer durfte nicht © imago

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Wenig später umgarnte die Bundesliga die DDR-Topspieler. Ganz vorne: Reiner Calmund.

Leverkusen - Sechs Tage nach dem Mauerfall fädelte Reiner Calmund schon die ersten deutsch-deutschen Spielertransfers ein - und stoppen konnte ihn nur Bundeskanzler Helmut Kohl.

Der damalige Manager von Bayer Leverkusen erkannte nach der Maueröffnung als erster die neuen Möglichkeiten und hatte auch die Kontakte, den Mut und die Chuzpe, sie umgehend zu nutzen.

Ganz nach seinem Motto "Die Schnellen fressen die Langsamen" entsandte Calmund den als Sanitäter getarnten Mitarbeiter Wolfgang Karnath am 15. November 1989 zum Länderspiel der DDR-Auswahl in Wien.

Dieser brachte ihm die Kontakt-Adressen der von Calmund auserkorenen Andreas Thom, Ulf Kirsten und Matthias Sammer.

Auch Thom unterschrieb bei Bayer

Kurz darauf unterschrieb das Trio Vorverträge, die besagten, dass sie zu keinem anderen Bundesliga-Klub als Leverkusen wechseln würden.

Den Transfer von Thom, Lieblingsspieler von Erich Mielke beim Stasi-Klub Dynamo Berlin und damit Vorzeigefußballer der DDR, vollzog Calmund noch im Dezember 1989.

Doch dann schritt plötzlich Kohl ein. Der damalige Bundeskanzler hatte offenbar Sorge, dass ein schneller "Ausverkauf" der Top-Spieler aus dem Osten den Glauben an den Mythos der "blühenden Landschaften" vielerorts schwer gefährden würde.

"Während ich Matthias Sammer und Ulf Kirsten den Wechsel nach Leverkusen schmackhaft machte, saß Kohl mit den Spitzen der Bayer AG zusammen und las den Herren die Leviten", schrieb Calmund in seiner im Vorjahr erschienenen Autobiografie "fußballbekloppt".

"Sie können die DDR nicht einfach leer kaufen"

Man solle sich vorstellen, so habe Kohl argumentiert, "was dies für Folgen haben wird für das Image der Bayer AG. Sie können die DDR nicht einfach so leer kaufen".

Während Calmund am 15. November im Kölner Stadion das entscheidende WM-Qualifikationsspiel der westdeutschen, späteren WM-Elf gegen Wales sah (2:1), agierte Karnath als "Doppel-Agent" in Wien.

Die Österreicher hielten ihn dank perfekt imitierter Dialekte für einen Ostdeutschen, die DDR-Vertreter für einen Österreicher.

Im Mannschaftshotel der DDR-Elf, die durch die 0:3-Niederlage die Teilnahme an der WM 1990 verpasste hatte, sicherte er sich die betreffenden Kontaktdaten.

Besuch im Plattenbau mir Blumen und Spielsachen

Thoms Wechsel machte Calmund dann bei einem Besuch in dessen Berliner Plattenbau, bewaffnet mit Blumen für Ehefrau Tina und Spielsachen für die Tochter Janina, perfekt.

Rund drei Millionen (West-) Mark, umgerechnet also 1,4 Millionen Euro musste Bayer berappen. Damals eine enorme Summe. Mit einem Gehalt von rund 12.000 Mark gehörte Thom zu den besser verdienenden Profis in Leverkusen.

Um die historische Pressekonferenz zur Vorstellung Thoms am 16. Dezember nicht durch ein banales Ligaspiel am Abend gegen den FC Homburg verwässern zu lassen, ließ Calmund, wie er ebenfalls in seiner Biografie gestand, den Rasen unter Wasser setzen.

Die Partie wurde abgesagt, beim Nachholtermin eine Woche vor dem Rückrundenstart schoss Thom direkt das 1:0.

Kirsten und Sammer teilte Calmund beim gemeinsamen Urlaub am Chiemsee mit, dass man sie auf Geheiß von ganz oben nicht verpflichten dürfe.

Sammer ging nach Stuttgart

Sammer ließ daraufhin den Kontakt zum späteren DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder aufleben und wechselte schließlich zum VfB Stuttgart.

Die Verpflichtung von Kirsten, um den auch Bochum, Bremen und italienische Klubs warben, versprach Calmund Borussia Dortmund.

Und verursachte so einen Riesenärger mit BVB-Manager Michael Meier, als er Kirsten, nachdem sich die Wogen geglättet hatten, doch verpflichtete.

"Im umgekehrten Fall wäre es bei mir nicht beim Tobsuchtsanfall geblieben", schrieb Calmund:

"Ich hätte die Türen der Geschäftsstelle eingetreten und wäre handgreiflich geworden. Aber ich konnte es einfach nicht ertragen, nach Matthias Sammer noch eine Granate durch die Lappen gehen zu lassen."

"Jahrhundert-Transfer" Kirsten

Kirsten wurde zum erfolgreichsten Bundesliga-Torjäger des Jahrzehnts und zur festen Größe in der gesamtdeutschen Nationalelf.

Er hielt Bayer bis zum Karriereende die Treue - und darüber hinaus, heute als Trainer der 2. Mannschaft.

"Kirsten war jede Mühe wert", meint Calmund denn auch: "Trotz Michael Ballack, Rudi Völler, Bernd Schuster, Ze Roberto oder Lucio - er war mein Jahrhunderttransfer."

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