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Auch der heutige Union-Trainer Uwe Neuhaus war bei der Partie im Olympiastadion dabei © getty

Selten gab es bei einem Zweitliga-Spiel so viel Euphorie wie am 11. November 1989. Hertha BSC Berlin traf auf Wattenscheid 09.

Berlin - Als die Spieler von Hertha BSC Berlin und Wattenscheid 09 an diesem 11. November 1989 ins Olympiastadion einliefen, trauten sie ihren Augen nicht.

Weit über 50.000 Besucher hatten sich in der riesigen Schüssel eingefunden.

Es herrschte Pokalfinalstimmung bei einem Zweitliga-Spiel, und auf den Rängen gab es überall tränenreiche Szenen der Verbrüderung.

Der "Wind of Change" wehte durch das Olympiastadion, Hertha hatte die Dauerparty auf den Straßen Berlins ins Olympiastadion umgeleitet.

Zwei Tage nach dem Mauerfall gewährte der Klub über 10.000 DDR-Bürgern bei Vorlage eines DDR-Ausweises freien Eintritt.

"Wir sind einfach rübergekommen"

"Wir sind einfach mal rübergekommen", berichtete ein Fußball-Fan vor laufender TV-Kamera und fügte noch schüchtern an: "Aber nachher geht's wieder zurück."

Schon vor der Maueröffnung hatte Hertha 30.000 Tickets an Sponsoren verkauft, die wiederum die Eintrittskarten zu günstigen Preisen anboten.

Das Gänsehaut-Gefühl stieg, als der Stadionsprecher alle Berliner Stadtbezirke einzeln begrüßte.

Die Gäste aus dem Osten trugen mit Plakaten zur fußballerischen Vereinigungs-Party bei: "Eisern Union grüßt die Freiheit und Hertha."

15 Jahre aufs Spiel gewartet

Ein Hertha-Fan aus dem Osten erklärte einem TV-Team, dass er 15 Jahre auf diesen Moment gewartet habe, und wurde prompt ins "Aktuelle Sportstudio" des "ZDF" eingeladen.

Spätestens an diesem Samstag wurde der Fußball von den Umwälzungen im Lande eingeholt, ja überrollt.

"Das Ergebnis war an diesem Tag egal", sagte rückblickend Wattenscheids Abwehrchef Uwe Neuhaus, heutiger Trainer von Zweitligist Union Berlin.

Euphorie trotz Remis

"Ein überragendes Gefühl. Man hatte Mühe, sich auf das Spiel zu konzentrieren", äußerte Gäste-Stürmer Harald Kügler 20 Jahre danach.

1:1 hieß es nach 90 Minuten. Wattenscheid war durch Jörg Bach in Führung gegangen. Berlins Sven Kretschmer glich aus - zur Freude der meisten Fans.

"So eine Euphorie nach unserem Ausgleichstor, obwohl wir vorher wirklich nicht gut gespielt haben, erlebt man nicht alle Tage", sagte Herthas Keeper Walter Junghans.

Lodenmäntel sorgen für Verwirrung

Am Ende der Saison stiegen beide Teams auf. Während Hertha immer noch im Oberhaus spielt, ist die SGW mittlerweile in der NRW-Liga zu Hause.

Am Abend vor dem historischen Spiel hatten sich Wattenscheids Profis bei einem Ausflug in Charlottenburg ein Bild vom Ausnahmezustand der Stadt gemacht und dabei ungewollt für besorgte Blicke gesorgt.

Die Gäste-Spieler trugen einheitlich lange, grüne Lodenmänteln, die Sponsor und Textilfabrikant Klaus Steilmann zur Verfügung gestellt hatte.

Union Berlin auf Vormarsch

"Viele DDR-Bürger haben uns kritisch beäugt und wohl gedacht: Mensch, jetzt ist die Mauer gerade gefallen, und die Stasi läuft hier immer noch herum", berichtete Neuhaus mit einem Schmunzeln.

Genau 20 Jahre später ist Neuhaus Trainer des zurzeit erfolgreichsten Fußball-Klubs aus der ehemaligen DDR. Mit Aufsteiger Union mischt er die 2. Liga auf und zählt zu den Spitzenteams.

Er kennt mittlerweile den Fußball im Osten und begrüßt in der Rückschau die Entwicklung nach den aufregenden Tagen damals im November 1989.

"Fußball in Deutschland auf gutem Weg"

"Ich glaube, dass der Fußball in dem wiedervereinten Deutschland eine gute Entwicklung genommen hat", sagte der 49-Jährige.

Der oft zitierte Ost-West-Konflikt lebt nach Einschätzung von Neuhaus, der seit 2007 den Berliner Kultklub trainiert, nur noch vereinzelt auf, wie etwa bei den traditionsreichen Ost-Derbys. Signifikante Probleme gebe es aber nicht.

Selbst in der ehemaligen Hochburg des DDR-Fußballs in Köpenick wird der gebürtige Hattinger nur noch selten an die frühere Trennung von Ost und West erinnert.

Meistens nur an Jahrestagen, und dann, so Neuhaus, erzähle er immer gerne die Geschichte von den langen, grünen Lodenmänteln...

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