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Robert Enke im Jahr 2002 auf der Bank des FC Barcelona © imago

Schon seit 2003 war der verstorbene Keeper wegen seiner Depressionen in Behandlung. Was aber war damals eigentlich passiert?

Von Martin Hoffmann

München - Der tragische Tod von Robert Enke bewegt auch zwei Tage danach noch ganz Deutschland.

Beklemmung herrscht vor allem über die Depressionen, die der Nationalkeeper vor seinem Umfeld verheimlicht hatte.

Die Trauer über den Tod seiner Tochter Lara war allgemein bekannt, Enkes Psychologe hat aber darauf hingewiesen, dass der Keeper schon vorher bei ihm in Behandlung war.

"Robert Enke war erstmals 2003 in meiner Praxis, als er während seiner Zeit beim FC Barcelona und Fenerbahce Istanbul unter Depressionen und Versagensängsten litt", teilte Valentin Markser mit.

Was genau aber ist damals eigentlich passiert? Was brachte Enke so weit, dass ihm klar wurde, dass er professionelle Hilfe brauchte? 173493(DIASHOW: Trauer um Robert Enke)

Euphorischer Start in Barcelona

Die Geschichte beginnt im Jahr 2002: Robert Enke spielt seit 1999 bei Benfica Lissabon, zuletzt sogar als Kapitän. Jupp Heynckes hatte ihn nach dem Abstieg von Borussia Mönchengladbach dorthin gelotst.

Eigentlich will der heimatverbundene Keeper zurück nach Deutschland, wo er schon relativ in Vergessenheit geraten ist.

Da kommt das Angebot, das er nicht ablehnen kann: Der glorreiche FC Barcelona will ihn haben, Enke unterschreibt.

"Hier will ich lange bleiben", freut sich der damals 24-jährige.

Selbstzweifel im Konkurrenzkampf

Sein Trainer dort ist der jetzige Bayern-Coach Louis van Gaal, ein Konkurrent um den Stammplatz der junge Victor Valdes.

Halb bewundernd, halb verwundert sagt Enke später der "Zeit" über Valdes: "Der Victor kennt keine Selbstzweifel."

Enke kennt sie nur zu gut. Und sein erstes Pflichtspiel bei Barca schürt sie.

An den Pranger gestellt

Van Gaal stellt Enke bei einem Pokalspiel bei Drittligist Novelda Alicante ins Tor. Die erste Bewährungschance mündet in einem sportlichen Desaster.

Barca verliert 2:3, Enke agiert unglücklich - und wird vom eigenen Teamkollegen Frank de Boer an den Pranger gestellt.

Enke sei Schuld an zwei Gegentoren gewesen, gibt der Niederländer zu Protokoll.

Vernichtende Presse

Die Presse fällt über Enke her.

"Witzfigur eines Torhüters" spottet "AS" und fragt: "Wo war eigentlich Enke? Die Klubführung muss die Verantwortung für Enkes Verpflichtung übernehmen."

Die Zeitung "Sport" formuliert martialisch: "Enke hat sich sein eigenes Grab geschaufelt."

Und Enke merkt nur hilflos an: "Ich kann mir nicht erklären, was passiert ist." Später meint er, dass sein Gefühl zu dem Zeitpunkt lautete, "ich bin schon gestorben".

"Nie das Gefühl, dazuzugehören"

Enke bekommt bei Barca nach diesem Debakel kein Bein mehr auf dem Boden, bestreitet nur noch drei weitere Pflichtspiele, wird nach einem Jahr stillschweigend aussortiert.

Er sagt: "Ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören."

Die Chance, wieder Fuß zu fassen, gibt ihm Christoph Daum, damals wie heute Trainer bei Fenerbahce Istanbul.

Enke lässt sich an den Bosporus ausleihen, trotz großer Skepsis: Ihm behagt die emotional überhitzte Atmosphäre im türkischen Fußball nicht.

Abgestempelt und beworfen

Und er bekommt sie früh zu fühlen: Er ist von Beginn an abgestempelt als der Bankdrücker aus Barcelona. Die Fans akzeptieren ihn nicht als Erbe von Publikumsliebling Rüstü Recber.

Das erste Saisonspiel gegen Istanbulspor geht 0:3 verloren, in Enkes Richtung fliegen Feuerzeuge, Flaschen, Geldstücke - aus der eigenen Kurve.

Enke schließt da ohne Umschweife innerlich mit Fenerbahce ab. "Eigentlich habe ich die Entscheidung schon während des Spiels getroffen: Das ist es nicht wert."

Wieder das "Lebenselixier"

Der Leihvertrag mit Fenerbahce wird nach dem Spiel aufgelöst, beim formalen Arbeitgeber Barca ist weiter kein Platz für ihn. Enkes Karriere scheint zerstört.

Über ein erfolgreiches Intermezzo beim spanischen Zweitligisten CD Teneriffa in der Rückserie 2003/04 kämpft sich Enke unter Ewald Lienen zurück, in Hannover blüht er danach sportlich neu auf, spielt sich bis in die Nationalmannschaft.

Der Fußball, der ihn in Barcelona und Istanbul so mitgenommen hat, wird wieder zu seinem "Lebenselixier", wie Ehefrau Teresa es nun formuliert.

Halt durch den Trainingsalltag

Nach Marksers Schilderung, war es vor allem der Trainingsalltag, der Enke Halt gab.

Der ihm half, mit den privaten Schicksalsschlägen umzugehen.

Er war am Ende offensichtlich kein ausreichender Halt mehr.

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