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Nationaltorwart Robert Enke wurde lediglich 32 Jahre alt © getty

Nach der Enke-Tagödie diskutiert der deutsche Fußball, was daraus zu lernen ist - und welche Einstellungen sich ändern müssen.

Von Martin Hoffmann

München - Fassungslosigkeit, Bestürzung, Trauer waren die ersten Reaktionen auf den Tod von Robert Enke.

Mehr und mehr kommt inzwischen jedoch eine Debatte in Gang, was der Fußball und die Gesellschaft allgemein aus dem Selbstmord des von Depressionen geplagten Nationaltorwarts lernen sollte.

"Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken", bringt Hannover-96-Manager Jörg Schmadtke im "Norddeutschen Rundfunk" die Grundstimmung auf den Punkt.

Es ist vor allem das Thema Depressionen im Leistungssport, das Enke auf tragische Weise ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat. 173493(DIASHOW: Trauer um Robert Enke)

Und die Frage, was getan werden kann, um ähnliche Fälle in Zukunft verhindert werden kann.

Welt der unverwundbaren Gladiatoren

DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sich an die Spitze der Debatte gesetzt: "Der deutsche Fußball muss Antworten finden, warum junge Leistungssportler, die als Idole gelten, in solche Situationen kommen können", erklärt er.

Und er verspricht: "Wir wollen das Geschehene nicht oberflächlich aufarbeiten."

Wobei die Diskussion vor allem ein Grunddilemma aufzeigt: Kann ein Gewerbe, das Leistung und mentale Stärke einfordert, eine "Welt für vermeintlich unverwundbare Gladiatoren" ("Süddeutsche Zeitung"), angemessen umgehen mit jemandem, der echte oder vermeintliche Schwäche zeigen muss?

Schaaf appelliert an Spieler

"Unser Bild in der Öffentlichkeit ist so, dass wir immer stark sein müssen", weiß Bremens Trainer Thomas Schaaf. "Für Schwäche ist in dieser Gesellschaft kein Platz."

Wie die Medien der Hansestadt berichten, hat Schaaf als Reaktion auf Enkes Tod einen Appell an seine Spieler gerichtet: "Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!"

Auch Christoph Daum - bei Fenerbahce Istanbul Enkes Trainer - weist im "Express" auf das Kernproblem bei Enkes Krankheit hin:

"Depressionen sind keine Kopfschmerzen. Das ist eine schwere Krankheit, die leider von der Gesellschaft tabuisiert wird. Da heißt es schnell: Mensch, was ist das für ein Weichei."

"Müssen lernen, uns zu öffnen"

Hannovers Präsident Martin Kind ist daher "vom Grundsatz tief überzeugt, dass wir lernen müssen, uns zu öffnen", wie er in der Sat-1-Sendung "Kerner" erklärte.

In mehreren Interviews vermutete er auch, dass Enkes Witwe Teresa mit ihrem öffentlichen Auftritt auch darauf abzielte, die Öffentlichkeit für das Thema Depressionen zu sensibilisieren.

Kind selbst forderte im "kicker": "Wir müssen mit Fachleuten reden, wie künftig mit der Krankheit umgegangen werden könnte."

Drohungen, Beschimpfungen und Mobbing

Im Namen der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV) wünschte sich Geschäftsführer Ulf Baranowsky im "Deutschlandradio Kultur", dass mehr Vereine Strukturen zur psychologischen Betreuung ihrer Spieler aufbauen müssten.

"Es gibt schon gute Beispiele von Klubs, die sich öffnen", so Baranowsky. Er nennt den FC Bayern und den VfL Bochum, die bereits Psychologen beschäftigen, als positive Beispiele.

Die Angebote seien nötig, denn die psychologische Belastung für Profis nehme stetig zu: "Es kommt vor, dass Spieler beim Training bedroht, rassistisch beschimpft oder von Trainer und Mitspieler gemobbt werden."

Mainz-Boss gegen Psychologen-Pflicht

Eine vieldiskutierte Idee lautet, dass die DFL die in ihr organisierten Klubs im Lizenzierungsverfahren verpflichten könnte, Psychologen einzustellen.

Mainz-05-Präsident Harald Strutz hielte das aber für "eine Überreaktion". Leistungssportler stünden unter Druck, "doch auch nicht mehr als andere Berufsgruppen".

Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser, dessen Team einen Sportpsychologen beschäftigt, würde sich dagegen wünschen, dass auch weitere Vereine nachziehen: "Doch das müssen sie selbst entscheiden."

Er verdeutlicht aber den Unterschied zwischen Psychiatern und Sportpsychologen: Bei letzteren sei aber zumindest "die Wahrscheinlichkeit groß, dass er merkt: Da stimmt etwas nicht."

Bischöfin redet ins Gewissen

Ins Grundsätzliche ging bei der Trauerandacht für Enke die evangelische Bischöfin Margot Käßmann, die dem Fußball und der Gesellschaft allgemein ins Gewissen redete.

"Leid, Schwäche und Krankheit sind Teil unseres Lebens", erklärt die EKD-Ratsvorsitzende: "Dafür darf es keine Pfiffe geben, sondern Empathie und Mitleid."

Eine Wunschvorstellung, die im Fußball-Alltag schwer umzusetzen sein wird.

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