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Peter Neururer (r.) war von 2005 bis 2006 Trainer von Robert Enke bei Hannover 96 © imago

Robert Enkes Ex-Trainer Neururer spricht über die Schwierigkeit, Schwäche zu zeigen in der Macho-Gesellschaft Profifußball.

Von Martin van de Flierdt

München - Der Tod von Robert Enke hat seinen ehemaligen Trainer Peter Neururer schwer getroffen. Von November 2005 bis Ende August 2006 betreute er Hannover 96 und hat seit dieser Zeit den Kontakt zu Enke gehalten.

Im Sport1.de-Interview spricht Neururer über die Oberflächlichkeit im Profifußball, das Problem, Schwäche zu zeigen in einer Macho-Gesellschaft, und die Schwierigkeit eines Lebens im öffentlichen Fokus. 173493(DIASHOW: Trauer um Robert Enke)

Sport1.de: Die Nachricht vom Tod von Robert Enke ist zwei Tage her. Inwiefern haben Sie das Ganze schon verdaut?

Peter Neururer: Es wird noch eine längere Zeit brauchen, bis das gesackt ist. Denn Robert war jemand, den man nicht nur als Spieler kannte, sondern eben auch als Mensch.

Sport1.de: Hatten Sie eine Ahnung von seiner Krankheit?

Neururer: Nicht mal im Ansatz. Darauf hätte Robert nie einen Hinweis gegeben. Es ist einfach unvorstellbar, wie lange er seine Rolle schon gespielt hat. Man sieht aber - gerade am Beispiel eines Musterprofis und Mustermenschen wie es Robert Enke war - wie viel Angst doch der Mensch haben muss und wie, Entschuldigung, beschissen sich unsere Gesellschaft darstellt, dass man in ihr nicht zu einer Krankheit stehen darf.

Sport1.de: Mit dem Wissen von heute: Erinnern Sie sich daran, zumindest mal an dem Thema gekratzt zu haben?

Neururer: Wir haben über die schlimmste Zeit seines Lebens gesprochen, damals bei Barca. Aber da sind wir oberflächlich geblieben, wir alle. Ob es nun Journalisten, Trainer oder Mitspieler sind. Wir haben gedacht "schlechte Zeiten, du hast nicht gespielt und du hast Theater mit dem Trainer gehabt". Dass da wesentlich mehr war, dass da die Krankheit ausgebrochen ist, hatten wir nicht auf dem Schirm. Wenn man es gewusst hätte, hätte man vielleicht etwas machen können.

Sport1.de: Unter Fußballern werden Unsicherheiten oder Schwächen gerne mit Flachs überspielt?

Neururer: Ja, genau. Man sagt ihm dann lapidar so etwas wie "scheiß Zeit", "scheiß Trainer", "und dann noch nicht gespielt" oder "Kohle zählt" ? das ist die Oberflächlichkeit in unserem Job.

Sport1.de: Nun wird darüber diskutiert, wie dieses in Jahrzehnten gewachsene Klima des "Männersports" zu ändern ist. Halten Sie das überhaupt für möglich?

Neururer: Es ist ja gerade das Problem, dass es ein Männersport ist. Ich bin ja auch einer aus dieser fußballerischen Macho-Gesellschaft. Da werden die Dinge dreimal überlegt und hin- und hergeschoben, bevor sie artikuliert werden. Aber es kann nicht sein, dass man in unserer Gesellschaft insgesamt aus Scham oder welchem Gefühl auch immer eine Krankheit verschweigt, weil man möglicherweise den Gedanken hat, damit Gefahr zu laufen, dass es negative Konsequenzen für mich hat. Ist die Krankheit denn nicht schon schlimm genug?

Sport1.de: Doch. Aber halten Sie es wirklich für unmöglich, dass trotz der Tragödie Enkes in ein paar Wochen alle wieder in alte Denkstrukturen zurückfallen?

Neururer: Das darf eben nicht sein. Ich hoffe, dass sich jetzt nach diesem Alarmzeichen, ja mehr als Alarmzeichen, die Fußballgesellschaft als diejenige, die wir beeinflussen können, verändert: Dass wir wirklich mehr den Menschen sehen und was dahintersteckt. Dass wir nicht alles leistungsdiagnostisch betrachten: Spielt er einen guten Ball oder einen schlechten, bekommt er eine gute Note oder eine schlechte? Dann hätte Robert einiges für die Menschen, die noch leben, getan.

Sport1.de: Was können Sie dafür tun?

Neururer: Vielleicht müssen diejenigen, die Einfluss haben, also auch wir Trainer, mal selbst die Bereitschaft zeigen, uns zu offenbaren. Zu sagen, diese oder jene Schwäche habe ich.

Sport1.de: Aber Stand heute versucht ein Profisportler oder ?trainer doch in erster Linie, keine Angriffsfläche zu bieten.

Neururer: Ganz genau, das ist ja das Traurige. Warum ist das denn so? Wir haben alle als Kinder schon Sprüche gehört haben "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder "Männer weinen nicht". Das ist doch alles Schwachsinn. Männer haben genauso weinen zu dürfen wie es bei Frauen akzeptiert ist. Und Indianer empfinden Schmerz auch nicht anders als andere Menschen. Das müssen wir so schnell wie möglich lernen.

Sport1.de: Was halten Sie von der Idee, standardmäßig Psychologen zum Trainerstab hinzuzuziehen?

Neururer: Ich habe selbst meine Diplomarbeit in Psychologie geschrieben, deshalb habe ich mit diesen Herren ein kleines Problem. Robert Enke war doch in psychiatrischer Behandlung. Und was hat es am Ende geholfen?

Sport1.de: Womöglich hat es ihm zumindest die Zeit von 2003 bis 2009 erleichtert. Das kann man ja von außen nicht beurteilen.

Neururer: Das ist es ja gerade: Wir reden über eine Sache, die keiner beurteilen kann. Aber wir können alle beurteilen, dass man vielleicht wirksamere Hilfe hätte einleiten können, wenn die Sache früher nach außen transportiert worden wäre. Man hätte doch nicht den zusätzlichen psychischen Druck aufbauen müssen, den wir als Profis zweifellos alle haben. Wenn ich krank bin, muss der nicht auch noch sein.

Sport1.de: Inwiefern trägt das öffentliche Brennglas zu dem Druck bei?

Neururer: Das ist das Entscheidende. Und nicht, ob wir am Wochenende 5000 Euro Prämie mehr oder weniger bekommen. Das ist uninteressant verglichen mit diesem fortwährenden Druck, sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen und sich immer dort zu bewegen. Egal, was man macht, alles wird öffentlich gemacht. Und man wird meistens von Menschen beurteilt, die mit der Sache selbst gar nichts zu tun haben, weil sie da nicht drinstecken.

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