Die Trauer um den Torhüter, der sich das Leben nahm, lässt bisher wenig Raum für eine kritische Auseinandersetzung. Dabei gebietet sich auch die.

Man muss in diesen Tagen tunlichst aufpassen, der anscheinend allumfassenden Trauer um Robert Enkes Tod keine kritischen Anmerkungen hinzuzufügen.

Denn zweifelsohne bedrückt der Selbstmord des Nationaltorhüters; er bewegt in der Tat nicht nur Fußball-Deutschland, sondern hält auch die über den Sport hinausgehende Nation in Bann.

Weil Robert Enke, gerade mal 32 Jahre alt, seinem Leben mit dem Sprung vor einen fahrenden Zug so abrupt ein Ende gesetzt hat.

Weil er eine Frau, die schon die gemeinsame Tochter verlor, sowie eine adoptierte Tochter zurücklässt.

Und wohl auch deshalb, weil erst jetzt bekannt geworden ist, dass Robert Enke depressiv und damit schwer krank war.

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Sind wir also Enke? Das mag zynisch klingen, galt Deutschland emotional-personifiziert doch bisher als WM, als Papst und gar als Obama - und dabei stets als freudig-feierndes "Kollektiv".

Wir sind Enke? Meinen könnte man das trotzdem ob der plötzlichen Identifikation mit Robert Enke. Allein: Dies lässt sich auch als grenzwertige Pseudo-Pietät begreifen.

Stille Trauer beim letzten Geleit mutiert zum Event: Allein 50.000 Menschen pilgerten zur Hannoveraner Arena, in dessen Mittelkreis ein Sarg mit Robert Enkes sterblichen Überresten aufgebahrt war.

Nochmals Zehntausende standen zudem vor den Toren des Stadions, wo auf Großbild-Leinwänden übertragen wurde. Dazu Abermillionen vor den Fernsehschirmen bei der Live-Berichterstattung von fünf (!) deutschen TV-Sendern.

Die größte Trauerfeier in Deutschland seit dem Tod von Konrad Adenauer 1967 ließ einen Sportsmann posthum zum Staatsmann werden.

Diese Fragen aber müssen erlaubt sein: Ist das tatsächlich noch angemessen? Ab wann verliert das Gedenken Prominenter, augenscheinlich höherwertiger als das eines Namenlosen, seine Verhältnismäßigkeit?

Und inwieweit wird - dem gegenübergestellt - die Zukunft des unglückseligen Lokführers, der Robert Enke erfasste und der seinetwegen bis zu seinem Tod als traumatisierter Todesengel empfinden mag, diese Gesellschaft beschäftigen?

Gefehlt hätte schließlich nur noch eine Fan-Meile mit Robert-Enke-Devotionalien und der Bau eines Mausoleums.

Doch auch so schon wirft die morbide Anteilnahme und der Quasi-Todes-Tourismus ein Schlaglicht auf die moralische Beschaffenheit unseres Landes.

Denn: Respekt und Ehrfurcht gegenüber einem Toten nehmen sich irritierend-seltsam aus, wenn das Sterben der deutschen Nummer eins plötzlich eine größere Wahrnehmung erfährt als Robert Enkes Leben.

Vielleicht ist es auch verquerer Zeitgeist, der eigentliches Sensationsgeheische mit öffentlichkeitswirksamem Mitgefühl zu verwässern sucht.

Begleitet zudem von einem immer stärker werdenden Betroffenheitsjournalismus, der gerade bei den selbst erklärten Gutmenschen offene Türen einrennt.

Vor allem der Boulevard spielt dabei die ganze Bandbreite: Videostreams, Live-Chats, Internet-Communitys, Bilderstrecken rauf und runter - technisch werden alle Register gezogen.

Auch in der Sport1.de-Redaktion wurde kontrovers diskutiert: Natürlich hat Journalismus einer überbordenen Betroffenheit Rechnung zu tragen. Freilich lässt sich auch eine Trauer-Feier mittels LIVE-Ticker abbilden.

Ob man das jedoch wirklich muss, bleibt am Ende persönliche Meinung. Das mediale Angebot wahrzunehmen, ebenso.

Vor Robert Enke war es zuletzt bei Michael Jackson so, dessen Ableben - wie bei Lady Di - zur globalen Abschiedsparty geriet. Je tragischer die Todesumstände, desto heftiger fielen die Reaktionen aus.

Dabei ist Robert Enke letztlich einer von jährlich knapp 12.000 Selbstmördern in der Bundesrepublik. Statistisch nimmt sich damit jedes Jahr eine Kleinstadt das Leben.

Festzuhalten ist trotzdem: Robert Enkes Selbstmord hat Deutschland vorerst verändert. Für wie lange, ist nicht absehbar.

Entzündete sich eine dauerhafte gesellschaftliche wie politische Auseinandersetzung mit der noch immer mehr oder minder tabuisierten Volkskrankheit Depression, an der auch hierzulande Millionen leidet, wäre es gut.

Enke sind wir aber nicht.

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