DSF-Experte Udo Lattek widmet sich in seiner Kolumne Robert Enkes Tod. Er spricht auch über einen persönlichen Schicksalsschlag.

Hallo Fußball-Freunde,

Ich habe das Glück gehabt, Robert Enke kennenzulernen.

Ich habe mal eine Stunde alleine mit ihm gesprochen und feststellen können, was für ein wundervoller Mensch er war. In einer Stunde ist das nicht einfach, aber ich musste den Hut vor ihm ziehen. Das war ein großartiger Junge.

Ich war früher Trainer in Barcelona und weiß, was ihm dort passiert ist. Er hat gerade sein erstes Spiel gemacht und gleich den ersten Ball fallen lassen - daraus resultierte ein direktes Gegentor. Seitdem hatte er vielleicht immer im Hinterkopf: ?Wenn ich den ersten Ball fallen lasse, bin ich der Depp der Nation.? Das muss man erstmal in den Griff bekommen.

Ich selbst habe nie gewusst oder geglaubt, dass ich depressiv bin. Aber ich bin es wahrscheinlich, zumindest phasenweise, gewesen. Es gab Zeiten, in denen ich keinen Antrieb mehr hatte, ich wollte nicht aufstehen, ich habe mich von meinen Freunden zurückgezogen, keinen Appetit mehr gehabt.

Ich habe einen ähnlichen Schicksalsschlag wie Robert Enke hinnehmen müssen. Ich habe ein Kind mit 15 Jahren verloren. Ich habe mir damals gedacht: "Du musst hier raus!"

Ich bin dann zu Herrn Dr. Rauball gegangen, dem damaligen Präsidenten von Borussia Dortmund, und habe gesagt:

"Hör mal, ich muss hier raus. Ich habe ein Angebot vom FC Barcelona - gib mich frei!"

Da habe ich mich wieder aus dem Tal rausgezogen und habe mir immer wieder gesagt: "Du kannst es! Du darfst dich nicht hängen lassen. Du musst jetzt rausgehen und deine innere Unsicherheit vergessen!"

Es ist ja nicht generell so, dass man in solchen Phasen näher zusammenrückt - eher im Gegenteil. Jeder erwartet von dem anderen Hilfe, aber man kann keine Hilfe geben.

Wir haben auch gedacht, dass das Leben keinen Sinn mehr macht. Aber dann haben wir angefangen zu kämpfen, wir hatten ja noch eine Tochter und große Verantwortung! Wir haben uns dann auch entschieden, noch ein Kind zu bekommen.

Sich als Trainer öffentlich zu einer Depression zu bekennen ist sehr schwierig. Was macht ein Trainer, wenn er depressiv ist? Er weiß, dass er keine Power hat, eine Mannschaft zu führen.

Geht der zum Präsidenten und sagt: "Hallo Herr Präsident, ich bin depressiv?? Dann kann der doch sofort seine Papiere holen. Das geht gar nicht. Und da sehe ich das große Problem.

Wenn sich ein Spieler mit Depressionen outen würde, dann gäbe es immer ein paar Leute, die sagen würden:

"Oh, guck dir die Pfeife an! Der kann sich nicht durchsetzen, mit dem wollen wir nichts zu tun haben."

Ich kann dementsprechend nachvollziehen, dass man sich nicht outen möchte. Wenn ein Spieler zu mir als Trainer kommen würde, würde ich versuchen, ihm mit allen Mitteln zu helfen - aber trotzdem auch versuchen, das vom Rest der Mannschaft fernzuhalten.

Ich kenne die Strukturen in den Mannschaften. Da sind immer welche dabei, die sagen: "Das Weichei!"

Das ist eine unheimlich große Problematik und ich würde mir wünschen, dass der Freitod von Robert Enke zumindest dahingehend positive Nachwirkungen haben wird.

Wie ein Spieler mit Kritik aus den Medien, zum Beispiel mit schlechten Noten, umgeht, kommt immer auch auf den Charakter des Spielers an. Mancher sagt vielleicht:

"Wenn ich den Journalisten treffe, dann werde ich ihm mal die Meinung geigen!"

Ein anderer geht vielleicht kaputt daran. Das ist schwierig.

Man muss das Thema Versagensängste sehr ernst nehmen. Ich habe Spieler trainiert, die Weltmeister im Training waren und normalerweise 60 oder 70 Länderspiele auf dem Buckel gehabt haben müssten. Die haben es aber nie in die erste Mannschaft geschafft, weil sie in den Spielen dem Druck nicht standhalten konnten und Versagensängste hatten.

Ob es eine Liberalisierung und eine offeneren Umgehensweise mit Tabuthemen im Profi-Fußball geben wird, ist ganz schwer zu sagen.

Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Es sind noch zu viele Unwägbarkeiten, zu viele Leute, die sich damit nicht auseinandersetzen und sagen:

"Das ist nicht mein Problem, damit habe ich nichts zu tun."

Euer Udo Lattek

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