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UEFA-Wettexperte Peter Limacher (r.) und der leitende Polizeibeamte Friedhelm Althans © getty

Der deutsche Fußball ist in einen gewaltigen Wettskandal verstrickt. 32 Spiele ab der Zweiten Liga abwärts stehen unter Verdacht.

Von Matthias Becker

München - Der deutsche Fußball ist tiefer in den neuen Wettskandal im europäischen Fußball verstrickt als zunächst angenommen.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bochum besteht konkreter Verdacht, dass bei 32 Spielen in Deutschland manipuliert wurde:

Vier Spiele der Zweiten Liga, drei Spiele der Dritten Liga und 18 Partien der Regionalligen, fünf Spiele der Oberligen sowie zwei U-19-Begegnungen sind demnach betroffen.

Insgesamt stehen europaweit etwa 200 Spiele in neun Ländern unter Manipulationsverdacht.

"Das ist zweifellos der größte Betrugsskandal, den es im europäischen Fußball jemals gegeben hat. Wir sind zutiefst betroffen vom Ausmaß der Spielmanipulationen durch internationale Banden", sagte Peter Limacher, UEFA-Experte für Bekämpfung von Spielmanipulationen, am Freitag bei der Pressekonferenz im Polizeipräsidium in Bochum.

Auch Champions League betroffen

Unter den verdächtigen Spielen sind auch mindestens drei Champions-League- und zwölf Europa-League-Spiele sowie ein Qualifikationsspiel zur U21-EM.

Alle betroffenen Spiele haben im Jahr 2009 stattgefunden. Da auch Spiele aus der Europapokalsaison 2009/2010 betroffen sind, sind Konsequenzen für den laufenden Spielbetrieb möglich.

Die Tätergruppe mit insgesamt über 200 Verdächtigen soll Wettgewinne in Höhe von mehreren Millionen Euro bei europäischen und asiatischen Wettanbietern erzielt haben.

Die Betrüger sollen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle bestochen haben, um Spielausgänge zu beeinflussen.

15 Haftbefehle in Deutschland

In Deutschland wurden am Donnerstag 15 Haftbefehle vollstreckt. Unter den Festgenommenen waren auch Ante und Milan S.. Mehr als 50 Durchsuchungsbeschlüsse in sechs deutschen Bundesländern sowie der Schweiz, Österreich und Großbritannien wurden vollzogen.

Die Schwerpunkte der Festnahmen in Deutschland lag in Berlin, Nürnberg und im Ruhrgebiet. Zwei weitere Festnahmen erfolgten in der Schweiz. Es wurden Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von mehr als einer Million gesichert. Insgesamt wurden Wettgewinne in Höhe von zehn Millionen Euro ausgezahlt.

Unter anderem wurden in Berlin die Brüder Ante und Milan S., Drahtzieher des Bundesliga-Wettskandals um Schiedsrichter Robert Hoyzer Ende 2004, in Gewahrsam genommen.

"Nur die Spitze des Eisbergs"

Laut Staatsanwaltschaft ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Zahl der Tatverdächtigen als auch die Anzahl der betroffenen Spiele durch weitere Ermittlungen erhöhen wird. "Das ist nur die Spitze des Eisbergs", sagte Andreas Bachmann, Leiter der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bochum.

m Zuge der Ermittlungen ist derweil erstmals die Verhaftung eines Spielers bekannt geworden.

Würzburger Spieler in Untersuchungshaft

Wie der Landesligist Würzburger Kickers auf seiner Internetseite mitteilte, habe die Staatsanwaltschaft Bochum einen Spieler des Vereins am Donnerstag in Untersuchungshaft genommen.

Wie der Verein weiter bekannt gab, war der Spieler bereits in einen früheren Wettskandal verwickelt. Der Akteur habe damals auf Bitten eines asiatischen Wettbetrügers einen anderen Spieler gebeten, bewusst schlecht zu spielen.

Osnabrücker Spieler angeblich verstrickt

Aus ermittlungstaktischen Gründen erteilt die Staatsanwaltschaft zur Identität der beteiligten Personen sowie der betroffenen Mannschaften derzeit keine Auskünfte. Welche Spiele in Deutschland konkret unter Verdacht stehen, ist deshalb noch unklar.

Nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sollen allerdings auch Profis des Zweitliga-Absteigers VfL Osnabrück verstrickt sein.

Demnach sei ein 34 Jahre alter Mann aus Lohne verdächtig, die Begegnungen des VfL in der vergangenen Zweitliga-Saison n beim FC Augsburg (0:3) am 17. April 2009 und beim 1. FC Nürnberg (0:2) am 13. Mai.mit Hilfe von Osnabrücker Spielern manipuliert zu haben. Der Mann soll bereits verhaftet worden sein.

Der 34 Jahre alte Verdächtige hatte laut Vorwurf der Staatsanwaltschaft hohe Summen auf die beiden Partien gesetzt und sich dabei auf eine Tordifferenz festgelegt, die dann tatsächlich eintrat.

"Das wäre eine Katastrophe"

Aus abgehörten Telefonaten einer Sondereinheit der Polizei Bochum gehe hervor, dass der Verdächtige in dem Zusammenhang Kontakt zu mindestens einem VfL-Spieler aufgenommen habe.

"Wenn das stimmt, wäre das eine Katastrophe - das könnte dann ein Grund für den Abstieg gewesen sein", sagte Osnabrücks Präsident Dirk Rasch der "NOZ", nach deren Informationen am Donnerstag im Rahmen der bundesweiten Polizeiaktion auch die Wohnung eines ehemaligen Osnabrücker Profis durchsucht wurde.

Wollitz verbringt schlaflose Nacht

Der ehemalige Osnabrücker Trainer Claus-Dieter Wollitz (Energie Cottbus) sagte vor der Partie in Düsseldorf:

"Ich habe versucht, das auszublenden, konnte es aber nicht. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen."

Und weiter: "Wenn das wirklich der Fall sein sollte, hätte der Abstieg einen ganz bitteren Beigeschmack."

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zudem am Donnerstag auch über Verdachtsmomente beim Freundschaftsspiel zwischen Regionalligist SSV Ulm und Fenerbahce Istanbul am 14. Juli 2009 berichtet.

29 Fälle in der Türkei

Zunächst war vor allem über Verdachtsfälle in der türkischen SüperLig berichtet worden. So schrieb die "Berliner Morgenpost", dass Erstligaspiele aus der Türkei manipuliert worden seien.

Die Wetten seien dabei von Deutschland aus bei asiatischen Anbietern platziert worden. Sogar namhafte türkische Nationalspieler seien involviert.

Laut Angaben der Bochumer Staatsanwaltschaft stehen in der Türkei 29 Spiele von der ersten bis zur dritten Liga im Fokus der Ermittlungen.

DFB und DFL nicht informiert

Der türkische Fußballverband (TFF) hatte zuvor noch abgewiegelt. Ein TFF-Sprecher erklärte der "dpa", der Verband habe keinerlei Informationen über einen Wettbetrug oder Manipulationen in seinen Ligen, wolle die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bochum aber verfolgen. thema

Die Unwissenheit kann aber auch mit dem Vorgehen der Behörden zusammenhängen. Auch DFB und DFL waren offensichtlich bis zur Pressekonferenz am Freitag nicht über den Manipulationsverdacht informiert.

"Wir haben lange überlegt, ob wir mit dem DFB Kontakt aufnehmen. Da die Tätergruppe aber europaweit agiert, war es am Effektivsten, mit der UEFA zusammenzuarbeiten. So konnten wir dann, wenn nötig, auf die Nationalverbände zugreifen", sagte Bachmann.

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