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Thomas Cichon spielt derzeit bei den Moroka Swallows in Südafrika © imago

Der Wettskandal verdeutlicht: Zockermentalität ist im Profi-Fußball keine Seltenheit. Ein Insider packt bei Sport1.de aus.

Von Daniel Rathjen

München - Marcel Schuon ist ein Musterbeispiel.

Seine Karriere? Ein Bilderbuch. Auf den ersten Blick.

Aktuell ist der 24-Jährige untergetaucht. Weil er zugab, direkt in den größten Wettskandal im europäischen Fußball verwickelt zu sein.

In seiner Aussage bei der Staatsanwaltschaft Bochum hatte er eingeräumt, gegen den Erlass früherer Wettschulden eine Manipulationsab- sprache mit der Mafia getroffen zu haben. Sein Klub, der Drittligist SV Sandhausen, kündigte ihm fristlos. Dass es so kam, ist kein Wunder.

"Sie haben ständig gezockt, immer, jeden Tag", erinnert sich jemand, der es weiß bei Sport1.de. Seinen Namen möchte er nicht lesen.

Getrimmt in der Schule des VfB Stuttgart wechselte der Verteidiger Schuon mit zarten 21 Jahren zum VfL Osnabrück.

Zweite Liga, Profifußball, der ganz große Sport. Ein Traum. Er war Stammspieler, er bekam Zuspruch, Frauen, neue Freunde. Falsche Freunde.

Cichon lebte es vor

In Niedersachsen lernte der nach außen hin eher ruhige, zurückhaltende Junge auch Thomas Cichon kennen.

Schuon und der neun Jahre ältere Mannschaftskollege verstanden sich auf Anhieb, hingen jeden Tag zusammen ab.

Der erfahrene Nebenmann aus der Abwehr, der schon beim 1. FC Köln, in Oberhausen und im Ausland bei Panionios Athen gespielt hatte, machte auf ihn gehörig Eindruck.

Dass andere sagten, er sei ein unehrlicher Mensch, interessierte ihn nicht. Er lebte ihm vor, wie es geht. Schuon zog mit.

Mit Thomas Reichenberger, für manche ein leidenschaftlicher, für viele schon besessener Pokerspieler, teilten die "Buddies" die Lust am Kartenspiel.

Es ging um Geld

Sie zockten vor, zwischen und nach den Übungseinheiten. Mal in der Kabine, mal im Vereinsheim - im Trainingsanzug. Es ging um Geld, aber auch um Gefälligkeiten wie Autos waschen.

Schuon fühlte sich wohl und begann ein Leben auf großem Fuß. Sein 3er-BMW war tiefergelegt, in die Alufelgen ließ er seinen Namen und seine Rückennummer gravieren.

Er selbst trug gerne Kleidung von Hugo Boss, seiner Freundin schenkte er Gucci-Uhren. Vermutlich hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits hohe Schulden.

Über Cichon kam Schuon auch an die Wetten. Sein Kumpel wettete auf alles.

Mysteriöse Din-A4-Zettel

"Er markierte Din-A4-Zettel mit einem Edding, er hatte es auf Quoten im Bereich 6,0 abgesehen, wettete sogar auf tschechische Eishockey-Spiele", sagt der Insider.

Danach habe er die Scheine, die so offensichtlich nichts "Offizielles" waren, in ein Osnabrücker Büro gebracht.

Schuon rutschte mit in den Wettsumpf.

Die Leute rieben sich verdutzt die Augen, als der sonst so solide Abwehrspieler auf dem Feld plötzlich schwerwiegende taktische Fehler in der Deckung beging.

"Junge Leute, schnell hochgejubelt, viel Geld im Spiel, problematisches Umfeld. Da ist ein hohes Gefährdungspotenzial", weiß Sylvia Schenk, die ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, und Sachverständige für den Sportausschuss des Bundestages.

Betrüger zielen auf Labile ab

Nach ihren Erfahrungen als Leichtathletin bei Eintracht Frankfurt überrasche es die ehemalige 800-Meter-Läuferin nicht, dass gerade Fußball-Profis leicht mit Wettbetrügern in Berührung kommen.

"Es ist ja wohl so, dass die Wettbetrüger gezielt auf Leute zugegangen sind, die labil sind, die Schulden haben", berichtet sie.

Auch Schenk vermutet, dass die Zahl von 200 möglicherweise manipulierten Spielen in Europa nur die Spitze des Eisberges sind.

Cichon flüchtete weit weg. Nach Südafrika. Er spielt mittlerweile bei den Moroka Swallows mit Trainer Rainer Zobel und wohnt in einem Appartement in Bedfordview, einem Vorort von Johannesburg.

Schutz hinter Elektrozaun

Sein Wohnkomplex ist abgesichert wie ein Gefängnis mit hoher Mauer und Elektrozaun darauf. Die Einfahrt wird nach eigenen Aussagen von zwei Security-Leuten bewacht.

Wenn eine unbekannte Person dort hindurch will, bekommt er einen Anruf und kann entscheiden, ob sie Zugang bekommt oder nicht.

Komfortabel und praktisch - fernab der Erschütterungen des Wettskandals.

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