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DFB-Präsident Zwanziger erhielt am Montrag den Abschlussbericht zum "Fall Amerell" © imago

Der DFB stellt fest, dass Manfred Amerell "seine Pflichten klar verletzt hat" und zieht erste Konsequenzen. Auch strafrechtliche Schritte sind denkbar.

Frankfurt/Main - Der "Fall Manfred Amerell" gewinnt immer mehr an Schärfe.

Der Deutsche Fußball-Bund sieht nach Fertigstellung des Abschlussberichts eine klare Beweislast gegen den früheren Schiedsrichter-Sprecher und hat bereits erste Konsequenzen gezogen.

"In Summe aller vorliegenden Erkenntnisse steht aus Sicht des DFB fest, dass Herr Amerell seine Pflichten als Mitglied des Schiedsrichterausschusses klar verletzt hat", heißt es in einer DFB-Pressemitteilung.

Amerell erhebt schwere Vorwürfe

Unterdessen hat Amerell über seinen Anwalt Jürgen Langer schwere Vorwürfe gegen den DFB erhoben. Demnach verweigere ihm der DFB die Akteneinsicht.

Das Amerell-Lager habe aus diesem Grund das DFB-Sportgericht angerufen, um die Rechtmäßigkeit der Ablehnung der Akteneinsicht überprüfen zu lassen. Der DFB wollte auf SID-Anfrage den Sachverhalt nicht kommentieren.

DFB: Kein Einzelfall

Dafür bezog der DFB am Dienstagabend in aller Deutlichkeit Stellung. Der Verband teilte mit, dass es sich bei den Vorwürfen gegen Amerell, der im Zuge der Anschuldigungen seine Ämter niedergelegt hatte, nicht um einen Einzelfall handeln soll:

"Unabhängig voneinander haben mehrere Personen in den Anhörungen zu Protokoll gegeben, von Herrn Amerell in der Vergangenheit bedrängt und/oder belästigt worden zu sein."

Dass die Betroffenen diese Übergriffe so lange Zeit nicht gemeldet hätten, "begründeten sie übereinstimmend mit der latent vorhandenen Angst vor privaten oder beruflichen Nachteilen, die sich vor allem auf die weitere Entwicklung ihrer Laufbahn als Schiedsrichter bezogen", heißt es in der DFB-Erklärung weiter.

Ob strafrechtliche Schritte eingeleitet werden, liege in der Entscheidung der Betroffenen.

Langer: "Ein Skandal"

Langer sagte im DSF zur Presseerklärung des DFB: "Ich bin ein Freund offener Worte und empfinde diese Pressemitteilung als Skandal! Hier werden weiterhin Anschuldigungen im Raum stehen gelassen ohne konkret auf unser Anliegen einzugehen."

Und weiter: "Es wird in dieser Pressemitteilung eine Verurteilung vorgenommen, ohne den Angeklagten jemals angehört zu haben. Das ist ein Unding und mit rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht zu vereinbaren."

Prüfung der Strukturen im Schiedsrichterwesen

Referee Michael Kempter hatte am 17. Dezember die Vorwürfe gegen Amerell an Schiedsrichter-Boss Roth herangetragen. Daraufhin war der Fall ins Rollen gekommen.

Unter Führung von Justiziar Dr. Jörg Englisch hatte der DFB einen Abschlussbericht erstellen lassen, der am Montag DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger sowie Ligapräsident Dr. Reinhard Rauball übergeben worden war.

Daraus zieht der DFB erste Konsequenzen. Die bisherigen Strukturen im Schiedsrichterwesen sollen einer kritischen Prüfung unterzogen und konkrete Vorschläge zu einer Neustrukturierung erarbeitet werden.

Kommission eingesetzt

Es wurde eine Kommission eingesetzt, die bis zur nächsten Präsidiumssitzung konkrete Veränderungsvorschläge unterbreiten soll.

Dem Gremium gehören Schiedsrichter Herbert Fandel, Hellmut Krug als Vertreter der DFL, der für das Schiedsrichterwesen zuständige DFB-Direktor Stefan Hans und der Abteilungsleiter Schiedsrichterwesen, Lutz Michael Fröhlich, an.

Amerell monierte nicht gewährte Akteneinsicht

Amerell monierte indes die nicht gewährte Akteneinsicht. Amerells Anwalt Jürgen Langer gab in einer Pressemitteilung bekannt, dass er am 15. Februar von DFB-Direktor Stefan Hans und DFB-Justitiar Jörg Englisch angerufen worden sei.

Dabei habe man ihm mitgeteilt, dass nach dem Rücktritt von Amerell am 12. Februar der interne Vorgang beim DFB abgeschlossen sei und eine Gewährung der Akteneinsicht nicht mehr erfolgen werde.

"Wie kann ein Vorgang beim DFB abgeschlossen sein, der dann vom DFB-Präsidenten als 'stark und intensiv' bezeichnet wird", schrieb Langer:

"Elementare Grundsätze eines rechtsstaatlichen Verfahrens verlangen die Beachtung des Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Es ist schlichtweg indiskutabel und nicht hinnehmbar, diesen Anspruch durch das 'Zuklappen' der Akte verhindern zu wollen."

Rüffel für Schiedsrichter-Chef

Unterdessen gab es vonseiten des DFB einen Rüffel für Schiedsrichter-Chef Volker Roth, der den Fall erst nach gut einem Monat an Zwanziger weitergeleitet hatte.

Roth, der bereits am 17. Dezember von den Vorgängen Kenntnis bekommen hatte, habe den bislang für das Schiedsrichterwesen zuständigen Vizepräsident Rainer Koch nicht umgehend - wie in der Geschäftsordnung festgeschrieben - über die Vorgänge informiert, hielt der DFB in seiner Mitteilung fest.

Roth verteidigte dagegen sein zögerliches Handeln. "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ich richtig gehandelt habe. Ich kann doch in einer derartigen Situation nicht einfach loslaufen, frei nach dem Motto: Haltet den Verbrecher", sagte Roth der Zeitung "Die Welt".

Liga-Chef Rauball kritisiert Aufklärungsarbeit des DFB

Unterdessen hat Liga-Präsident Reinhard Rauball die Aufklärungsarbeit des DFB kritisiert und den Druck auf die Verantwortlichen beim DFB erhöht.

"Wir haben nachdrücklich um Aufklärung gebeten, wer wann wen wie informiert hat", sagte Rauball der "Süddeutschen Zeitung".

Die geschilderten zeitlichen Abläufe hätten "Anlass zur Verwunderung" gegeben, der Fall sei "von so hoher Sensibilität, dass ein unverzügliches Handeln erforderlich war".

Rauball hatte das DFB-Schiedsrichterwesen zuletzt als "Geheim-Orden" bezeichnet und eine "personelle Neuordnung" gefordert.

Zwanziger in Erklärungsnot

Doch auch Zwanziger ist in Erklärungsnot geraten. Laut Rauball seien bei der DFB-Präsidiumssitzung am 4. Februar die Anwesenden nur zum Fall Amerell und eines nicht genannten Schiedsrichters informiert worden.

Dass möglicherweise mehrere Unparteiische Amerell belasten, habe Rauball erst später erfahren.

DFB-Präsident stellt sich hinter Schiedsrichter

Zwanziger stellte sich indes hinter Schiedsrichter Michael Kempter und dessen Kollegen.

"Sie haben vielmehr mutig entschieden, Vorgänge öffentlich zu machen, über die zu lange geschwiegen wurde. Schiedsrichter wie Michael Kempter verdienen unseren höchsten Respekt und ich hoffe sehr, dass er von allen Fußballfans die uneingeschränkte Unterstützung bekommt, die er verdient hat", sagte der DFB-Boss.

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