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Michael Kempter (l.) belastet Manfred Amerell schwer © getty

Nun gibt es schon sechs Kläger: Drei weitere Referees belasten den 62-Jährigen. Ex-Schiri Wack hatte schon 2005 gewarnt.

München - Die Zahl der Ankläger erhöht sich - was kommt da noch alles hoch?

Manfred Amerell ist vier Tage vor der Gerichtsverhandlung in München von drei weiteren Referees schwer belastet worden.

Nachdem Michael Kempter den zurückgetretenen DFB-Schiedsrichtersprecher mit intimsten Details schwer beschuldigt hatte, erhob ein Trio in München weitere konkrete und schwerwiegende Vorwürfe gegen Amerell.

"Wir werden als Täter hingestellt, aber unser Leben wurde kaputt gemacht", sagte einer der drei Unparteiischen im Rahmen einer Gesprächsrunde in München, an der auch Kempter teilnahm.

Sextett klagt Amerell an

Insgesamt unterschrieben am Sonntag sechs Personen eidesstattliche Versicherungen, die dem Landgericht München I vorgelegt werden sollen.

"Aus diesen ergibt sich ganz klar, dass sie sich bedrängt und sexuell belästigt gefühlt haben und auch sexuell belästigt worden sind. Sie haben das im Endeffekt nicht gewollt", erklärte DFB-Anwalt Christian Schertz.

Kempter und die drei Schiris hatten sich am Sonntag in München zu Beratungen mit Schertz, DFB-Justiziar Jörg Englisch sowie dem ehemaligen FIFA-Referee Franz-Xaver Wack und dem Nationalmannschafts-Psychologen Hans-Dieter Hermann getroffen.

Wack ist erschüttert

"Ich bin ein Ansprechpartner, damit die Betroffenen mit dem Erlebten besser umgehen können", sagte Hermann: "Das sind schon Belastungen."

Wack fungiert als "Vertrauensperson" der Referees und ist "erschüttert" über die Erzählungen. "Ich habe mir gesagt, dass das Nicht-Hinsehen und Nicht-Hinhören ein Ende haben muss", sagte der Münchner

Er fügte an: "Alle wissen noch gar nicht, ob das das Ende ist."

Schon 2005 aktiv gegen Amerell

Wack gab zudem bekannt, dass er in Sachen Amerell bereits 2005 aktiv geworden sei. "Ich habe damals Schiedsrichter-Obmann Volker Roth und Frau Amerell Informationen zukommen lassen, dass ein Amtsmissbrauch vorliegen könnte", berichtete Wack.

Die Schiris hatten sich am Sonntag an den DFB gewandt, um sich "juristisch, medial und psychologisch" beraten zu lassen.

"Das Erschreckende war, dass das Ganze gezielt geplant war. Wir können bestätigen, dass das, was Kempter erlebt hat, kein Einzelfall war", betonte einer der drei Schiedsrichter.

Kempter verteidigt Gang in die Öffentlichkeit

Bereits im Februar hatte das Trio im Zuge der Aufklärung beim Verband ausgesagt.

Neben Kempter und den drei Referees hatte auch ein weiterer Schiedsrichter, der in Zusammenhang mit Amerell Beobachtungen gemacht haben will, und Englisch in seiner Funktion als Ansprechpartner der Unparteiischen eidesstattliche Versicherungen unterzeichnet.

Kempter indes verteidigte seinen Gang an die Öffentlichkeit. Der 27-Jährige hatte in der vergangenen Woche Details des Falles geschildert.

Geniert, darüber zu sprechen

"Dieser Schritt war notwendig, um den Schaden einzuschränken", meinte Kempter. Er habe sich aber geniert, darüber zu sprechen.

DFB-Präsident Theo Zwanziger unterstützte den Sauldorfer. "Es ist doch der einzig richtige Weg, diese Schweigekartelle zu beseitigen und damit für Transparenz zu sorgen", sagte Zwanziger in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

DFB könnte nun doch juristisch vorgehen

Der DFB hatte nach Abschluss der Untersuchungen die "Akte Amerell" geschlossen, weil dieser freiwillig als Schiedsrichtersprecher zurückgetreten war.

Allerdings gab der DFB zeitgleich ein Gutachten bei einem Strafrechtler in Auftrag, das in den nächsten Tagen fertiggestellt sein soll.

Zwanziger begründete dies mit "Ansätzen" im Fall Amerell, "die auf strafbare Handlungen" hindeuteten. Zuletzt hatte Zwanziger betont, nicht juristisch gegen Amerell vorgehen zu wollen.

Amerell-Anwalt strebt einstweilige Verfügung an

"Sollten wir von den staatlichen Behörden allerdings gebeten werden, unsere Erkenntnisse in dem Fall herauszugeben, dann werden wir das tun", sagte der DFB-Boss mit Blick auf den anstehenden Gerichtstermin.

Am Donnerstag wird es vor dem Landgericht München I zu der Verhandlung zwischen Amerell und dem DFB kommen.

Amerell und sein Anwalt Jürgen Langer ("Dort wird die Wahrheit ans Licht kommen") wollen in einem Zivilverfahren gegen den Verband eine einstweilige Verfügung erreichen, wonach der DFB nicht mehr von "sexueller Belästigung und Übergriffen" in Bezug auf Amerell sprechen darf.

Amerell im Gericht, Kempter abwesend

"Das Ergebnis dieser Verhandlung kann uns egal sein", behauptete Zwanziger in der vergangenen Woche.

Der DFB wird in München von Englisch und dem auf Medienrecht spezialisierten Berliner Anwalt Schertz vertreten.

Amerell soll anwesend sein, während Kempter wohl auf sein Erscheinen verzichten will.

Offenbar noch ein Fall

Schon vor dem Wochenende hatte sich der DFB mit einem offenbar weiteren Fall von sexueller Belästigung konfrontiert gesehen.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" in ihrer Samstag-Ausgabe berichtete, spielt Amerell in diesem Vorfall keine Rolle.

Bei der belasteten Person soll es sich laut "SZ" allerdings um einen Referee handeln, der auch in die laufende Amerell-Affäre involviert ist. Dem Bericht zufolge meldete sich am Donnerstag ein Schiedsrichter bei DFB-Justiziar Jörg Englisch und Personalchef Stefan Hans.

Kempter streitet Verwicklung ab

Der Schiedsrichter soll einen Annäherungsversuch nach einem Drittliga-Spiel am 13. Mai 2009 zu Protokoll gegeben haben.

Der Übergriff soll durch einen Kollegen aus einem anderen Gespann erfolgt sein, das nach einem Bundesligaspiel im selben Hotel einquartiert war.

Die "Frankfurter Rundschau" berichtete dazu, bei dem beschuldigten Schiedsrichter handle es sich um Kempter. Der selbst sagte der Zeitung, er sei über die Vorhaltungen informiert, könne sie aber "nicht bestätigen", weil sie "falsch" seien.

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