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Volker Roth ist seit 1995 Vorsitzender des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses. © getty

Schiedsrichter-Boss Volker Roth droht Ex-Schiri Wack mit Klage. Dieser wehrt sich. Mayer-Vorfelder schießt gegen die DFB-Spitze.

München - Im "Fall Amerell" prallen die Konfliktparteien weiter mit harten Bandagen aufeinander.

So hat Schiedsrichter-Obmann Volker Roth dem früheren Bundesliga-Referee Franz-Xaver Wack eine Klage wegen Verleumdung angedroht.

Derweil hat Ex-DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder die DFB-Spitze um seinen Nachfolger Theo Zwanziger für ihr Krisenmanagement hart kritisiert.

Wack hatte erklärt, Roth habe seit mindestens fünf Jahren von den Vorgängen um den früheren Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell gewusst, weil er selbst Roth auf Hinweise für Amtsmissbrauch bei Amerell hingewiesen habe.

Diese Aussage weist Roth zurück. "Wenn Franz-Xaver Wack diese Behauptung aufrecht erhält, werde ich ihn verklagen", wird Roth im "kicker" zitiert.

Wack hatte angegeben, Roth habe auf seine Hinweis nicht reagiert und den Verdacht "abgetan". Zudem sprach er von einem "System Amerell" und einem "komplexen Netzwerk".

Roth hatte erst im Januar dieses Jahres reagiert.

Nachdem FIFA-Schiedsrichter Michael Kempter im Dezember 2009 Vorwürfe gegenüber Amerell an Roth herangetragen hatte, leitete der die Anschuldigungen mit mehrwöchiger Verspätung weiter an DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Wack: Amerell-Seite mit Politik der Ablenkung

In einer ersten Reaktion auf die Drohung Roths unterstrich Wack am Tag vor dem Prozessauftakt am Münchner Landgericht seine Aussagen.

Er wirft der Verteidigung von Amerell eine Politik der Ablenkung vor.

"Die Beweislast gegen ihn ist erdrückend. Es wird immer nur abgelenkt, aber der Kern, um den es geht, nie kommentiert. Aber beim Prozess wird deutlich werden, wer Opfer und wer Täter ist", sagte Wack der "Welt".

Für Wack, der als Vertrauensperson der vermeintlich belästigten Schiedsrichter fungiert, ist im "Fall Amerell" ein klares Schema erkennbar.

"Amerell hat es nach Angaben der Betroffenen über Jahre so praktiziert: Erst das Vertrauen der Schiedsrichter zu gewinnen, dann - etwa bei Fahrten ins Stadion - den Betroffenen näher zu kommen, um schließlich beispielsweise durch das Aushändigen von Regeltestantworten oder Ausübung von Druck sexuelle Gefälligkeiten herbeizuführen", erklärte der Münchner Zahnarzt.

Schon 2005 Roth informiert

Wack betonte erneut, dass er bereits vor fünf Jahren auf einen möglichen Amtsmissbrauch von Amerell hingewiesen habe.

"Ich habe 2005 schon deutlich gemacht, dass ich einiges gehört habe, was nicht okay war", meinte Wack.

Referee Michael Kempter, der Amerell der sexuellen Belästigung beschuldigt, sei beispielsweise bei 34 Spieltagen 28- bis 30-mal in München beim FC Bayern, 1860 München oder Unterhaching angesetzt worden.

Wack: "Komischerweise war dort auch immer Amerell der Beobachter."

Kein Interesse an Amerells Amt

Manfred Amerell selbst hatte Wack vorgeworfen, ihn diskreditieren zu wollen, um so an sein Amt zu kommen.

"Das ist mir das Allerunwichtigste. Ich habe zwei Jahre keins gehabt und will auch keins. So ein Vorwurf spricht schon Bände. Amerell sollte sich lieber dazu äußern, warum sich so viele Betroffene mit identischen Vorwürfen zu Wort melden", sagte der 44-jährige Wack.

Am Montag hatte Margit Amerell, Ehefrau von Manfred Amerell, Wack als "Lügner" bezichtigt, der ihre Vorwürfe aber energisch zurückwies.

In einer von ihr verlesenen Erklärung teilte Frau Amerell mit, dass Wack ihr bei einem Treffen am Wochenende angeblich gesagt habe, dass er im Besitz einer Akte sei, in der insgesamt zehn Schiedsrichter ihren Ehemann beschuldigen würden.

Wack habe ihr nahegelegt, dass sich Amerell am Montag "stellen soll".

Wack streitet Akteneinsicht ab

"Die Behauptung, dass ich im Fall Amerell in Besitz einer DFB-Akte sei, ist schlichtweg falsch. Der DFB hat mir weder eine Akte überlassen noch jemals Einblick in eine entsprechende Akte gegeben", hieß es in einer Stellungnahme, die Wack über den DFB verteilen ließ.

"Mein Wissen über die Vorgänge habe ich ausschließlich aus den Schilderungen der betroffenen Schiedsrichter, die sich an mich gewandt haben."

Referee Michael Kempter und drei weitere Schiedsrichter, die anonym bleiben wollten, haben am Sonntag eidesstattliche Erklärungen mit Vorwürfen gegen Amerell unterzeichnet.

Wack fungiert als Vertrauensperson in der Affäre.

"Ich habe mich mit Frau Amerell in ihrem Hotel in Augsburg getroffen, um als langjähriger Bekannter auf der einen Seite und als Vertrauensmann der Schiedsrichter auf der anderen Seite in einem ruhigen, sachlichen Gespräch an die Vernunft zu appellieren und einer weiteren und für alle Seiten schädlichen Eskalation entgegen zu wirken", hieß es in der Stellungnahme weiter.

Mayer-Vorfelder kritisiert die DFB-Führung

Unterdessen hat Ehrenpräsident Gerhard Mayer-Vorfelder das Krisenmanagement des DFB harsch kritisiert und damit auch Präsident Theo Zwanziger attackiert.

"Man wäre besser beraten gewesen zu schweigen. Ich persönlich bin der Auffassung, dass jemand unschuldig ist, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist", sagte Mayer-Vorfelder im "Express" und betonte:

"Man wäre besser erst an die Öffentlichkeit gegangen, wenn die Ermittlungen abgeschlossen worden wären."

Mayer-Vorfelder sieht den Ruf des DFB und des Schiedsrichterwesens belastet. Er verstehe nicht, dass Zwanziger Amerell bereits nach wenigen Tagen in aller Öffentlichkeit an den Pranger stellte.

Verhandlung am Donnerstag

Am Donnerstag wird es vor dem Landgericht München I zu der Verhandlung zwischen Amerell und dem DFB kommen.

Amerell und sein Anwalt Jürgen Langer wollen in einem Zivilverfahren gegen den Verband eine einstweilige Verfügung erreichen, wonach der DFB nicht mehr von "sexueller Belästigung und Übergriffen" in Bezug auf Amerell sprechen darf.

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