vergrößernverkleinern
Dettmar Cramer wurde mit dem FC Bayern 1975 und 1976 Landesmeister © imago

Bayern Erfolgstrainer feiert seinen 85. Geburtstag. Im Interview spricht Dettmar Cramer über sein großes Fußball-Leben.

Von Benjamin Bauer

München - Er trainierte die Bayern, Frankfurt und Leverkusen, holte in den 70er Jahren unter anderem zweimal den Europa-Pokal der Landesmeister.

Am Ostersonntag feierte Dettmar Cramer, auch "Napoleon" genannt nach seinem legendären Foto in der Montur des großen französischen Feldherrn, seinen 85. Geburtstag.

Der wegen seiner akribischen Arbeit genannte "Fußball-Professor" erlebte so einiges in seiner Karriere - sowohl als Spieler als auch Trainer.

Im ersten Teil im Sport1.de-Interview spricht Cramer über sein Fußball-Leben - und seinen schönsten Moment.

Sport1.de: Herr Cramer, wie verfolgen Sie denn heute ein Fußballspiel. Aus den Augen eines Trainers oder als ganz normaler Zuschauer?

Dettmar Cramer: Ich analysiere ein Spiel automatisch. Meine Lebensgefährtin sagt immer, ich würde mir ein Fußballspiel verderben, weil ich immer die Fehler sehe. Das geht in Fleisch und Blut über, damit man als Trainer weiß, wo man in der Halbzeit den Hebel ansetzen muss.

Sport1.de: Machen die Trainer von heute viele Fehler?

Cramer: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich die Voraussetzungen nicht kenne. Dazu muss man dabei sein.

Sport1.de: Sie hatten ein bewegtes Fußball-Leben. Welcher war in Ihren Augen der größte Moment?

Cramer: Damit habe ich mich nie beschäftigt. Aber es war schön, mit dem FC Bayern die Europapokale zu gewinnen (Anm. d. Red: Landesmeister 1975/'76, Weltpokal 1976). Auch der Gewinn 1968 der Bronzemedaille mit einer Studentenmannschaft Japans gegen die Profis und Nationalspieler von Mexiko. Das waren bleibende Erlebnisse, wie die Mannschaft sich vollkommen ausgeblutet hat und nachher im olympischen Dorf einer nach dem anderem umgekippt ist. Wir haben sie mit warmer Suppe wieder zum Leben erweckt.

Sport1.de: Also sind die Spieler damals über ihre Grenzen hinausgegangen. Fehlt Ihnen das bei der heutigen Spielergeneration. Sind die alle zu verwöhnt?

Cramer: Das Leben hat sich geändert. Ich habe noch ganz andere Verhältnisse erlebt. Als ich Anfang April 1946 direkt aus der Kriegsgefangenschaft gekommen bin, habe ich gleich am 26. April einen Vertrag bei Teutonia Lippstadt unterschrieben. Wir waren eine Kriegsgeneration. Wir waren nach dem Krieg froh, dass wir erträglich heil nach Hause gekommen sind und wieder Fußball spielen konnten. Wir waren dankbar über unser Schicksal. Das hat sich im Spiel ausgedrückt.

Sport1.de: Hatte der Fußball an sich damals eine andere Bedeutung?

Cramer: Auf jeden Fall. Ohne Blasphemie zur aktuellen Osterzeit: Es füllten sich zwei Orte: Die Kirche und die Fußballplätze. Das Spiel ist lebensnotwendig. Nicht unbedingt der Fußball, aber Ballspiele sind so alt wie die Menschheit. Die Freude und Lebendigkeit, die Dynamik und die Schönheit des Spiels sind die Basis. Man sagt, das Spiel ist eine Synthese aus Erfolg und Schönheiten. Wobei über Schönheit gestritten werden kann. Die Engländer haben auch gesagt, dass sie schön gespielt haben. Wir haben es einfach "Kick and Rush" genannt.

Sport1.de: Würden Sie sagen, dass die Kommerzialisierung und die vielen Millionen, die beim Fußball eine Rolle spielen, schädlich für den Sport sind?

Cramer: Darüber darf man sich nicht streiten. Das hat sich so durch Angebot und Nachfrage entwickelt und ist Teil der freien Marktwirtschaft. Für manche Spieler kam diese Entwicklung allerdings zu früh, und sie haben damit ihre Probleme gehabt. Aber das überrascht nicht.

Sport1.de: Welchen Rat würden Sie einem Jungprofi geben?

Cramer: Ich würde ganz praktische Dinge raten. Als ich mit 16 Jahren Sepp Herberger traf, sagte dieser zu mir, ich solle aus meinem Fußballlexikon das Wort "oder" streichen. Es hieße nicht Angriff oder Abwehr, sondern Angriff und Abwehr. Goethe hat einmal gesagt, "es sind alles nur Menschen". Und das erkennt man auch an den jungen Spielern. Ich habe schon früher gesagt, wenn ein Spieler sich beim Einwurf fünf Meter Vorteil verschaffte, würde ich von dem nicht mal einen Gebrauchtwagen kaufen.

Sport1.de: Also spielt der Charakter eine entscheidende Rolle?

Cramer: Selbstverständlich. Es gibt in der deutschen Sprache das Wort Selbstbeherrschung oder Beherrschung. Das ist ein Vorrecht der Herren. Für Frauen gibt es das nicht. Die Selbstbeherrschung im Spiel, egal wie hoch die Wellen schlagen, ist ein Zeichen von Klasse. Im Spiel spiegelt sich positives und negatives unseres Alltags des Lebens wieder. Das passiert in jedem Spiel. Aber das Training ist eine Schule der Lebenstüchtigkeit. Das ist heutzutage in den Hintergrund getreten.

HIER geht's zum zweiten Teil des Interviews

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel