Guerrero sorgt mit seinem Flaschenwurf gegen einen Fan für Aufregung. Dabei ist der Vorfall nur ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Am Eingang des Stadions im Münchner Vorort Aschheim, wo die Frauen des FC Bayern ihre Bundesliga-Heimspiele bestreiten, ist ein interessantes Schild angebracht: Wer den Schiedsrichter beleidigt, erhält eine Stadionsperre.

Vielleicht fehlte auch so ein Schild mit einem ähnlichen Text an den Eingängen der Hamburger HSH-Nordbank-Arena beim Spiel des HSV gegen Hannover 96 (0:0): Wer die Spieler beleidigt, erhält eine Stadionsperre.

Vielleicht hätte das den Pöbler vom "Kuchentrakt", der Promi-Tribüne, von seinen Beleidigungen gegenüber HSV-Star Paolo Guerrero zurückgehalten. Vielleicht aber auch nicht.

Und so geschah das, was die Bundesliga am Wochenende des 29. Spieltages in Aufruhr versetzte. Der Fan pöbelte, Guerrero ließ sich das nicht gefallen, übte Selbstjustiz und warf ihm gezielt eine Trinkflasche ins Gesicht.

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Nur zum Verständnis: Der Flaschenwurf als Reaktion eines Profis wird auch von mir nicht für in Ordnung gehalten.

Doch der Peruaner Guerrero hatte Vorbilder. Er hatte seinen Frust nach den sportlich schwachen Leistungen zum Ausdruck gebracht. So wie es schon einige Fußball-Helden vor ihm taten.

Da war bei der WM 1994 in den USA der berühmte "Stinkefinger" von Stefan Effenberg gegenüber den deutschen Fans.

Da waren Eric Cantonas Wutanfall, der mit einem Kung-Fu-Tritt gegen einen Fan in der Premier League endete, und der "Brillen-Klau" von Stuttgarts Ex-Nationalkeeper Jens Lehmann.

Ausraster, die in der Bevölkerung und den Medien für großes Aufsehen sorgten.

Sie werden gemeinhin verdammt, auch wenn Guerreros Teamkollege Frank Rost im TV erklärte: "Ich habe Verständnis für Paolo. Da werden in diesem Block nicht auch selten die Familienangehörigen der Spieler angepöbelt. Und da muss so einer damit rechnen, dass er eine Flasche an den Kopf bekommt."

Guerreros Blackout ist aber auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Während sich der Peruaner Schelte von vielen Seiten gefallen lassen muss, sieht es bei anderen Flaschen- oder Steinewerfern oft anders aus.

Fliegen am 30. April und 1. Mai in Berlin Steine, Flaschen und Eisenstangen gegen Autos, Läden und Polizisten, werden Wagen abgefackelt, Polizisten durch Mitglieder des linken "schwarzen Blocks" krankenhausreif geschlagen, dann bringen sogar Politiker einer gewissen Coleur nicht ihre Abscheu zum Ausdruck, sondern kritisieren mit heimlicher Sympathie viel mehr die Taktik und das Vorgehen der Polizei gegen die Gruppe der "Benachteiligten, Untergebutterten und Ausgegrenzten".

Das soll einer verstehen?

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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