Nicht nur die kurzen Nächte und die winterliche Kälte in Südafrika machen SPORT1-Redakteur Martin van de Flierdt zu schaffen.

Die Nacht war kurz. Wieder einmal.

Aber Jammern ist nicht, ausschlafen kann ich auch noch nach der WM. Also raus um 6 und an den Rechner. Der Nachdreh der südafrikanischen Niederlage gegen Uruguay will geschrieben sein.

Es ist frisch um die Zeit in meiner Hütte auf unserer Lodge irgendwo verlassen in der Hochebene von Gauteng. Aber kein Vergleich zum Vorabend in Pretoria.

"Nehmts an Paar lange Unterhosen mit", hatte uns Franz Beckenbauer vor der Anreise geraten. Da der Kaiser immer Recht hat, tat ich wie geheißen.

An den Beinen habe ich bei Minustemperaturen im Stadion daher kaum gefroren. Aber es war eine echte Herausforderung, mit steifgefrorenen Fingern die richtigen Tasten zu treffen.

7.20 Uhr, der Nachdreh ist fertig und weggeschickt. Frühstück fällt aus, stattdessen Klamotten packen und raus, denn vor der Tür steht schon unser kleiner Toyota-Bus samt Fahrer Henry, der uns erneut heute nach Pretoria bringt.

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Die Auswahl der deutschen Botschaft hat uns Journalisten zum Freundschaftsspiel herausgefordert. Und diese Herrgottsfrühe ist der einzige Zeitpunkt, zu dem sich mehr als eine Handvoll Kollegen frei machen können.

"Kannste hinten rechts?", fragt mich unser Teamchef Gregor Derichs. "Kann ich", sage ich und streife mir das Nationaltrikot über, den sogenannten "roten Klinsmann" von 2006.

Zum ersten Mal stehe ich mit dem Adler auf der Brust auf dem Rasen. Viel Zeit, diesen doch irgendwie bemerkenswerten Moment in meiner eher übersichtlichen sportlichen Karriere zu genießen, bleibt allerdings nicht.

Denn das Botschaftsteam hat eine erstaunliche Anzahl an Jungs aufgeboten, die voll im Saft stehen. Das kann der Großteil von uns eher nicht mehr behaupten - zumindest nicht um 8.30 Uhr und gefühlten zwei Grad.

Schon zwei Minuten nach dem Anpfiff durch - jawohl - den ehemaligen FIFA-Schiedsrichter Walter Eschweiler beginne ich meine Großspurigkeit zu bereuen.

Der Sohn des Botschafters zieht über meine Seite zweimal den Spurt an, ich komme kaum hinterher und japse bereits in der Anfangsphase nach Luft. "Kann ich" - von wegen.

Deutsche Teams sind besonders nach einer gründlichen Vorbereitung gut, hat Philipp Lahm gesagt. Ich weiß also genau, warum zumindest ich zu Turnierbeginn sportlich noch nicht auf der Höhe bin.

Dafür sind es einige Kollegen, wir gehen 1:0 in Führung. Doch der Botschaftersohn kennt keine Gnade. Bald liegen wir 1:3 hinten.

Während die Nationalmannschaft inzwischen dank spielerischer Qualität gewinnt, entdecken wir nun die jahrelang zu Recht verschmähten "deutschen Tugenden" für uns.

Den 3:3-Ausgleich durch meinen ehemaligen Kommilitonen Holger Dahl stecken die Diplomaten leider viel zu gut weg.

Dass der verflixt schnelle Botschaftersohn uns also noch den 3:4-Gnadenstoß verpasst, sei hier nur am Rande angemerkt.

"Du hast seit dem Studium aber auch nicht mehr zugelegt", flachst Holger deshalb später nicht ganz ohne Berechtigung.

Doch, denke ich, aber nur an Körperumfang. Man kommt ja zu nix. Die Einzelkritik, so viel ist sicher, werde ich mir besser mal nicht zu Gemüte führen.

"Wir müssen das Spiel abhaken und dürfen nur nach vorne schauen", würde ein Nationalspieler nach einer dürftigen Darbietung wie der meinen wohl vor sich hinfloskeln.

Auch "Mund abputzen und weitermachen" würde sehr gut passen. Schließlich wartet nach dem Duschen schon Harald Stenger mit der Pressekonferenz.

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