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Ulf Kirsten (l.) war einer der ersten Profis, die Calmund aus dem Osten zu Bayer lotste © imago

Bei SPORT1 erinnert sich Reiner Calmund am 20. Jahrestag der Wiedervereinigung an Transferverhandlungen mit den Ost-Klubs.

Von Christian Stüwe

München - Reiner Calmund weiß, wovon er spricht.

Als 1989 die Mauer fiel, erkannte der damalige Manager von Bayer Leverkusen seine Chance. Am 11. November, als Deutschland sich noch in den Armen lag, flog er nach Berlin und machte sich sofort an die Arbeit.

Ein paar Tage später hatte er bereits Topstürmer Andreas Thom, Matthias Sammer und Ulf Kirsten an der Angel. So musste sogar Bundeskanzler Kohl intervenieren und zumindest den Sammer-Deal verhindern.

"Sie können nicht einfach die DDR leerkaufen", sagte ihm Kohl. Seine Einblicke von damals eröffnen ihm eine einzigartige Perspektive auf das Gebilde "Ost-Fußball."

Im SPORT1-Interview zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung spricht der gewichtige Ex-Manager über das Fußballgeschäft nach der Wende, die Nachteile der Ostklubs und die Perspektiven.

SPORT1: Herr Calmund, Sie waren der erste Manager, der Spieler aus der ehemaligen DDR holte und sind jetzt Berater bei Dynamo Dresden. Wie beurteilen Sie die Wiedervereinigung nach 20 Jahren aus fußballerischer Sicht?

Calmund: Das ist damals eine schwierige Situation gewesen. Jetzt wächst Deutschland immer mehr zusammen. Ich würde aber Jürgen Sparwasser recht geben, der sagt, dass es mittelfristig keinen Deutschen Meister aus dem Osten geben wird. Aber wir sehen ja auch, dass es im Westen Vereine wie Mainz oder St. Pauli gibt, die mit weniger Mitteln erfolgreich sind. Man muss eben nicht auf Goldbarren sitzen, sondern es geht auch mit Arbeit, Kompetenz und Strategie.

SPORT1: Wie muss man sich Transfergespräche kurz nach dem Fall der Mauer vorstellen?

Calmund: Ich sage das immer mit dem größten Respekt gegenüber den Menschen, die früher die Vereine geführt haben, aber: Wenn du mit denen korrespondieren wolltest, war das schwierig, die durften ja überhaupt nicht. Das ging alles über den Deutschen Turn- und Sportbund und von da über den Deutschen Fußball-Verband. International durften die sich überhaupt nicht frei bewegen. Jegliche Post lief über die Behörde, dann zum Fußball-Verband und dann zum Verein. Beim ersten offiziellen Transfer von Bayer Leverkusen, bei Andreas Thom, war der Präsident von Dynamo (Berlin, Anm. d. Red.) zwar dabei, aber federführend war der Generalsekretär.

SPORT1: Wo sehen Sie die größten Probleme, die den Erfolg der Ostvereine nach der Wende verhinderten?

Calmund: Natürlich wurden viele Fehler gemacht, aber die Vereine und deren Funktionäre hatten eben nicht nur wirtschaftliche Nachteile. Die Leute wuchsen in einem völlig anderen Wirtschaftssystem auf und hatten nach der Wende natürlich nicht das Know-How. Und wie gesagt ging bei den Vereinen alles über die Ministerien, sodass die Leute in den Vereinen nach der Wende plötzlich auf sich gestellt waren und nicht die Fachkompetenz hatten oder haben konnten. Zudem hatten sie nicht annähernd die Finanzkraft wie die Westvereine: Die besseren Stadien, die Kaufkraft der Zuschauer, die Vermarktung und die TV-Einnahmen im Westen - das war überhaupt nicht zu kompensieren.

SPORT1: Es lag also nicht am Talent oder der Ausbildung der Spieler?

Calmund: Auf gar keinen Fall. Die fußballerische Ausbildung war fantastisch. Wenn sie sich erinnern, dass beim letzten Titel der Nationalmannschaft 1996 Matthias Sammer die herausragende Figur war. Bei der WM 2002 gehörte ich zur Delegation. Da rangelte Carsten Jancker mit Oliver Bierhoff um einen Platz in der Spitze. Einige der ganz wichtigen Spieler waren mit Thomas Linke, Jens Jeremies, Bernd Schneider und Michael Ballack aus dem Osten. Schneider wurde ja sogar zum "weißen Brasilianer". Das waren Jungs, die 1990 zwischen 12 und 14 Jahren alt waren. Die haben eine sehr gute Rolle gespielt und waren absolute Leader in der Mannschaft.

SPORT1: Wieso wechselten viele der starken Ost-Profis so schnell in den Westen?

Calmund: Die Spieler wollten logischerweise mehr verdienen. Die hätten aber sogar noch mehr verdienen können, da waren einige italienische Klubs interessiert. Viele wollten aber in die Bundesliga, die sie früher am Wochenende über den verbotenen Kanal geguckt haben.

SPORT1: Denken Sie, dass der eine oder andere Verein diesen Rückstand in absehbarer Zeit aufholen kann und eine ähnliche Rolle wie St. Pauli oder Mainz spielen kann?

Calmund: Ich glaube schon. Einige Vereine haben sehr gute Leistungszentren und die entsprechende Philosophie. Das geht zwar nicht von heute auf morgen, aber ich bin sicher, dass ein Platz in der Bundesliga realistisch ist.

SPORT1: Wenn also weitere 20 Jahre vergangen sind, dann könnte auch im Fußball die Einheit vollzogen sein?

Calmund: Stück für Stück, ja. In Deutschland ist Bayern München eh das Maß der Dinge. Zunächst geht es darum, dass überhaupt mal wieder Ost-Klubs in die Bundesliga aufsteigen. Mit Leipzig, Dresden, Cottbus und Rostock hatten wir die ja schon. Und da haben wir alle auch schon Punkte gelassen. Ich glaube, dass die Vereine, ähnlich wie die Städte, wachsen werden.

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