vergrößernverkleinern
Vier Jahre ist es mittlerweile her, doch die Tragödie um Robert Enke bleibt noch immer unbegreiflich: Der damals 32 Jahre alte Nationalkeeper von Hannover 96 nahm sich am 10. November 2009 an einem Bahnübergang bei Neustadt am Rübenberge das Leben
Robert Enke nahm sich am 10. November 2009 das Leben © getty

Autor Ronald Reng erinnert auf einer Art Lesung über den Menschen Robert Enke und berichtet über die Arbeit an der Biographie.

Hannover - Einmal hatte es Ronald Reng fast übermannt. Die Erinnerung an Robert Enkes letztlich vergebliche Suche nach Hilfe war zu stark.

Das Wissen darum, dass der Torwart von Hannover 96 schon bereit war, sich in einer Klinik zur Behandlung seiner Depression aufnehmen zu lassen. Und welche Zufälle das dann doch verhindert haben.

"Er war schon so weit, so weit", erinnerte sich der Autor der Biographie "Robert Enke - ein all zu kurzes Leben." - und musste stocken.

Der Sportjournalist und Schriftsteller trat am Donnerstag gemeinsam mit Enkes Freund und Berater Jörg Neblung in einer Buchhandlung in Hannover auf. Und nur dort. Wenige Tage vor dem ersten Todestag des Fußballprofis am 10. November wurde es ein leiser Abend der Erinnerung.

"Alles erscheint so banal"

"Hier war das passend und nur hier, wegen der besonderen Nähe der Menschen in Hannover zu Robert Enke", meinte Reng.

Es wird keine weiteren Lesungen geben und keine weiteren Diskussionen, keine Talkshows, kein Nichts. Es gab nur dieses eine moderierte Podiumsgespräch über Enke, die Krankheit, über Hoffnung, Lebensmut, Glück und dann wieder Verzweiflung.

"Man kann aus dem Buch nicht vorlesen, das würde ich auch nicht schaffen", sagte Reng: "Außerdem ist es ein leises Buch, eines, das man auch leise lesen soll."

Der Autor hat nicht mehr gearbeitet, seit er am 6. August den letzten Punkt des Buches gesetzt hat: "Alles erscheint so banal."

In angemessenem Rahmen

In "Extremrecherche" hat er die Tagebücher von Enke gelesen, alle wichtigen Spiele des Torwartes auf Videos angeschaut.

Eine Aufgabe, die auch den 40-Jährigen sehr belastete: "Ich bin Fußball-Journalist und habe von der WM im Sommer kein Spiel gesehen, es war eine Ausnahmesituation, ich lebte in einer Parallelwelt."

150 Interessierte hatten sich im ersten Stock des Buchladens eingefunden. Es war voll, ausverkauft seit Wochen. Auch drei Kamerateams waren dabei und einige Fotografen. Trotzdem blieb der Rahmen klein, fast intim. Angemessen.

Auch befreites Lachen kam auf

Einige 96-Fans waren dabei, aber offenbar auch Zuhörer, die selbst mit der teuflischen Krankheit Depression zu kämpfen haben, oder deren Angehörige.

Oft Kopfnicken im Plenum bei vielen Schilderungen der verzweifelten Situation im Hause Enke. Auch befreites Lachen bei amüsanten Episoden.

"Nach der Veranstaltung sind einige Betroffene zu uns gekommen, die ihre Geschichte erzählen wollten und uns berichtet haben, was nach dem 10. November 2009 in ihrem eigenen Leben passiert ist", sagte Jörg Neblung, der wie Reng in schwarzer Kleidung auf dem Podium saß.

Das "Danach" beschäftigt die Betroffenen ganz besonders. Auch wenn diese Aufarbeitung und Trauerarbeit im Verborgenen stattfindet. Ein Zuschauer fragte nach dem Befinden von Teresa Enke, die sich weitgehend zurückgezogen hat.

"Es geht ihr besser, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit steht", sagte Neblung. Mehr ist auch nicht zu sagen.

Ein Ziel wurde erreicht

Offenbar aber ist tatsächlich ein Bewusstseinswandel auch im Profifußball eingetreten. Reng berichtet jedenfalls von großer Resonanz aus Fußballerkreisen.

"Mich haben viele Trainer angerufen und auch Hans-Dieter Hermann, der Team-Psychologe der Nationalmannschaft. Es haben in den Vereinen viel mehr Spieler um Hilfe nachgefragt, als das vorher war", so der Autor, "es gilt nicht mehr als Zeichen von Schwäche, wenn man Probleme mit dem immensen Leistungsdruck hat."

Ein Ziel der Biographie wäre damit erreicht. Enke selbst hatte ja mit Tagebuch-Aufzeichnungen begonnen, um die Erinnerung an sein Leben und seine Befindlichkeiten zu bewahren. Reng war als Co-Autor der Lebensgeschichte vorgesehen, die nach der Karriere erscheinen sollte.

"Es ist keine Biographie mit Abstand geworden", sagte Reng: "Alles erinnert daran, dass Robert nicht mehr da ist."

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel