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Vier Jahre ist es mittlerweile her, doch die Tragödie um Robert Enke bleibt noch immer unbegreiflich: Der damals 32 Jahre alte Nationalkeeper von Hannover 96 nahm sich am 10. November 2009 an einem Bahnübergang bei Neustadt am Rübenberge das Leben
Robert Enke wurde nur 32 Jahre alt © getty

Der Selbstmord von Robert Enke bringt auch die SPORT1-Redaktion in eine Ausnahmesituation: Eine Reflexion des 10. November 2009.

Von Christian Paschwitz

München/Hannover - Am Anfang war es nicht mehr als eine Laufzeile von weißer Schrift auf schwarzem Grund.

Vier dürre Worte, die von rechts nach links über den oberen Bildschirm-Rand flimmerten: ROBERT ENKE IST TOT!

Eine große deutsche Boulevard-Zeitung ist an jenem Dienstagabend um kurz nach 20 Uhr zunächst am schnellsten informiert.

Dann fegt die Blitz-Meldung über den unfassbaren Selbstmord des deutschen Fußball-Nationaltorhüters durch Deutschlands Medienhäuser wie ein plötzlicher Hagelsturm über eine Sommerwiese, versetzt kurz darauf ein ganzes Land in Schockstarre.

Freitod mit 32 am Bahnübergang

Robert Enke nimmt sich das Leben; im Alter von 32 Jahren wirft er sich unweit seines Wohnortes an einem Bahnübergang nahe Hannover vor einen fahrenden Zug.

Der 10. November 2009 bringt gewissermaßen auch die SPORT1-Redaktion in eine journalistische Ausnahmesituation.

Die Nachwehen eines brisanten Interviews von Philipp Lahm, in dem der Bayern-Verteidiger seinen Arbeitgeber attackiert ("Kein Konzept") und dafür nun die höchste Strafe der Klub-Geschichte zahlen muss, haben bis eben noch die Nachrichtenlage dominiert.

Enkes Berater: "Es war Selbstmord"

Enkes Tat stellt sie binnen eines Wimpernschlags brutal auf den Kopf.

Mit den Kollegen Martin van de Flierdt, Liane Killmann und Martin Hoffmann sitze ich an diesem Abend bis weit nach Mitternacht in der Redaktion.

Die diffuse Situation, die zunächst noch an einen tragischen Unfall glauben lässt, erreicht eine neue Dimension, als Enke-Berater Jörg Neblung bestätigt: "Es war Selbstmord."

"Wie oft bin ich da vorbeigefahren?"

Fassungslosigkeit nimmt unsere Gesichter gefangen. Meines wohl noch ein wenig mehr. Schließlich komme ich aus Niedersachsen, habe einige Jahre auch in der Region Hannover gelebt und in Neustadt am Rübenberge gearbeitet.

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Nur wenige Kilometer entfernt von seinem Wohnort Empede, wo Enke mit seiner Frau Teresa und Adoptivtochter Leila ein umgebautes Bauernhaus bezogen hat.

"Wie oft bin ich da schon dran vorbeigefahren?", frage ich mich im Stillen.

Depression kein Thema

Dass Robert Enke unter Depressionen gelitten hat, wird an diesem Abend kein Thema. 173197(DIASHOW: Enkes Leben in Bildern) Auch nicht, als eine Nachrichten-Agentur Martin Kind zwischenzeitlich zitiert mit den Worten: "Er war labil."

Kurze Zeit später dementiert Hannovers Klubchef diese Aussage, tut das danach gegen 22.30 Uhr auch noch mal in einer Live-Schaltung des früheren DSF.

[kaltura id="0_zrfpegnl" class="full_size" title="Noch viel zu arbeiten"]

Die Aktualität prägt stattdessen ein Reigen an Bestürzung.

Von Niedersachsens damaligem Ministerpräsidenten Christian Wulff über die frühere Landesbischöfin Margot Käßmann bis hin zu "Fußball-Kaiser" Franz Beckenbauer - die schockversetzten Reaktionen auf Enkes Suizid reißen nicht ab.

Gefühlte 30 Mal gilt es an diesem Abend insofern, allein den Haupt-Artikel über Enkes Freitod zu aktualisieren.

Schon bald viele Gerüchte

Das abrupt beendete Leben des Schlussmanns wird zudem in Bildern zu einer Diashow gebannt, überdies ein Kommentar verfasst.

Ungeachtet aller Betroffenheit: Professionalität bestimmt das Handwerk.

Zumal auch Spekulationen über Enkes Beweggründe für seine Verzweiflungstat nicht lange auf sich warten lassen und gegenrecherchiert werden wollen.

Ein Journalist aus Hannover will gehört haben, dass Enke womöglich eine Leukämie-Erkrankung diagnostiziert bekommen hat und seinem Leben deshalb ein Ende setzte.

Mysteriöse Magen-Infektion

Ein anderes Mal heißt es, der Keeper habe es psychisch vielleicht nicht verkraftet, wegen seiner mysteriösen bakteriellen Magen-Infektion vier Wochen zuvor das WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan verpasst zu haben; und Enke habe im Kampf um die Nummer 1 für das Turnier in Südafrika nun seine Felle davonschwimmen sehen.

Gibt?s gar ein Beziehungsdrama? Nichts davon erweist sich als harter Fakt oder wahr.

Einer von vielen Anrufen, diesmal bei einem früheren Kollegen der "Leine-Zeitung", gibt allein darüber Aufschluss, dass Enke einen Abschiedsbrief hinterlassen hat.

Im zweiten Teil geht es um den Inhalt des Abschiedsbriefes und den medialen Umgang mit der Tragödie>>

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