Es verwundert nicht, dass sich das Fußball-Geschäft durch Enkes Tod nicht verändert hat. Immerhin: Kleine Fortschritte sind erkennbar.

Wie blauäugig muss man gewesen sein zu glauben, Robert Enkes Selbstmord werde die große Mehrheit sensibilisieren für den Umgang mit psychischen Erkrankungen wie jene der Depression?

Exakt ein Jahr nach dem tragischen Suizid des Nationaltorhüters herrscht gemeinhin die Erkenntnis, dass sich im Kern des Fußball-Geschäfts wenig verändert hat.

Und das kann wenig verwundern.

Schließlich wäre ein Tabu-Thema nicht ein eben solches, wenn es binnen kürzester Zeit die Fesseln aus gesellschaftlichem Stillschweigen und Intoleranz abwerfen könnte.

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Hie und da hat zwar eine Debatte eingesetzt über den Umgang mit Depression und die Notwendigkeit ihrer Akzeptanz als eine gravierende (Volks-)Erkrankung.

Immerhin ist das ein kleiner Fortschritt gegenüber früherem Totschweigen.

Gesamtgesellschaftlich kratzt diese Debatte allerdings nach wie vor nur an der Oberfläche.

In einer Leistungsgesellschaft allemal, und im alle Schichten umfassenden Fußball sowieso.

Heißt konkret: Die Mehrzahl der nicht von ihr Betroffenen sind schlichtweg überfordert, Depressionen zu begreifen.

"Es ist für die Menschen schwer nachzuvollziehen, was diese Krankheit ist. Es gehen einem nicht die Haare aus, und man humpelt nicht", hat es die Witwe Teresa Enke treffend beschrieben.

Insofern ist es vielleicht gar menschlich, dass viele in seelischen Krankheiten immer noch persönliche Schwächen ausmachen, die man lieber geringschätzt oder auszublenden sucht, als sich mit ihnen wirklich auseinanderzusetzen.

Und wer sich outet, läuft umgekehrt Gefahr, Bekannte, Kollegen und den Job zu verlieren, statt Verständnis und Fürsorge zu erhalten.

Für den Spitzensport und den Fußball ist dies umso zwangsläufiger, wenngleich die dortigen Wortführer beteuern, man gehe mit dem Problem inzwischen feinfühliger um.

Es ist schwer zu glauben, wenn Spieler nach wie vor Gegenteiliges berichten und Woche für Woche erleben, wie schnell sie vom Helden zum Buhmann abgestraft werden.

Ohnehin gilt wider alle Einsicht das urwüchsige Prinzip: Auf dem Rasen wollen die Fans den mannhaften Kämpfer sehen und nicht den sensiblen Grübler.

Für Menschen in einer ähnlich schweren Situation wie vor einem Jahr Robert Enke bleibt da nach wie vor wenig Raum.

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