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Jean-Marc Bosman spielte von 1988 bis 1990 bei RFC Lüttich © getty

Vor 15 Jahren hob das Bosman-Urteil die Fußballwelt aus den Angeln. Viele verdienen dadurch Millionen - Bosman lebt am Minimum.

München - Das Bosman-Urteil sorgte für ein Erdbeben im Profi-Fußball. Es machte viele Spieler zu Millionären und stürzte zahlreiche Klubs in große finanzielle Probleme.

Auslöser Jean-Marc Bosman, damals ein Durchschnittsspieler beim FC Lüttich, profitierte vom spektakulären Urteil des Europäischen Gerichtshof allerdings nicht.

"Ich bekomme Geld von der Sozialversicherung und habe damit nur ein sehr geringes Einkommen. Ich muss derzeit mit rund 700 Euro auskommen. Das ist nicht einfach", sagte der 46-Jährige im Gespräch mit der "Welt am Sonntag".

Zwei Revolutionen

Der 15. Dezember 1995 veränderte nicht nur Bosmans Leben, sondern stellte den ganzen Sport in Europa - vor allem aber den Fußball - auf den Kopf.

Das Urteil aufgrund der Klage besagte zwei wesentliche Dinge: die vorher üblichen Transfer-Zahlungen nach Ablauf eines Vertrages wurden verboten, ebenso gekippt wurde die Quotierung des Ausländer-Anteils für Spieler aus der EU.

Beides waren Verstoße gegen die in der Union geltende Arbeitnehmer-Freizügigkeit.

Durch alle Instanzen geklagt

Dabei hätte die Angelegenheit im Vorfeld relativ schnell gelöst werden können - mit 800.000 Dollar. Diese Summe verlangte Lüttich für einen Wechsel Bosmans nach Ende seines Vertrages nach Dünkirchen.

Doch der französische Zweitligist wollte nicht bezahlen, Lüttich verweigerte die Freigabe. Bosman klagt gegen das faktische Berufsverbot durch alle Instanzen. Fünf Jahre später gab der Europäische Gerichtshof ihm in letzter Instanz Recht.

Goldene Zeiten für Spieler - und Berater

Das Urteil hatte eine weitreichende Wirkung auf den Profifußball: Es schwächte die Position der Klubs, die bis dahin auch noch von Abgängen nach abgelaufener Vertragslaufzeit finanziell profitieren konnten.

Und es stärkte die der Spieler, die in der Zeit vor Bosman mit einem Sondersystem zu tun hatten, das Paul Breitner als "modernen Sklavenhandel" bezeichnete.

Fortan war das Geld für sie viel leichter zu verdienen. Getreu den Gesetzen des Marktes konnten sie sich fortan Vertragsunterschriften und -verlängerungen mit satten Handgeldern und Gehaltserhöhungen versüßen lassen. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt für Spielerberater goldene Zeiten anbrechen ließ.

Hoeneß findet's "doof"

Kritiker empfinden das Bosman-Urteil dabei bis heute als verheerend - vor allem Klubverantwortliche.

Viele davon sind nicht fertig mit den Folgen des Urteils geworden. Sie wurden vor 15 Jahren kalt und unvorbereitet von dem Urteil erwischt - ebenso wie die UEFA.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß sah an dem "doofen Bosman-Urteil" seinerzeit "mittelfristig das ganze System kaputt gehen". Für Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge war das Bosman-Urteil "die schlimmste Katastrophe, die der Klubfußball je erlebt hat."

Schalkes Ex-Manager Rudi Assauer benannte das als Ursache für die Vergrößerung des Gefälles zwischen den Klubs: "Die Schere zwischen Arm und Reich ist weiter auseinander gegangen."

Bosman wird zur tragischen Figur

Jean-Marc Bosman hätte gerne zu den Profiteuren der von ihm ausgelösten Entwicklung gezählt.

Stattdessen wurde er zu einer tragischen Figur: Mit den 475.000 Euro Schadensersatz vom belgischen Fußballverband wurde er nicht glücklich.

Kein Klub wollte mehr seine Dienste, die Karriere war bald vorbei, es folgten Depressionen, Alkoholprobleme, Scheidung.

Die Verbitterung ist ihm auch jetzt noch anzumerken: "Als hätte ich jemandem die sechs richtigen Lottozahlen gegeben, aber dann werde ich nicht am Gewinn beteiligt", erklärte Bosman im "Welt"-Gespräch rückblickend.

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