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Rene Schnitzler stand bis Sommer 2009 beim FC St. Pauli unter Vertrag © getty

Die Aussagen des Ex-Profis über die Annahme von Bestechungsgeld lösen in Hamburg Betroffenheit aus. DFB und DFL reagieren gelassen.

München/Hamburg - Todesangst am Flughafen, Morddrohungen im Strandcafe, Geheimtreffen im Luxushotel:

Der frühere Zweitliga-Profi Rene Schnitzler hat mit einem umfassenden Geständnis einen erschütternden Einblick in die Abgründe des Wettskandals im Fußball gegeben.

Der 25 Jahre alte Stürmer gab im Magazin "Stern" zu, von einem Wettpaten mehr als 100.000 Euro angenommen zu haben, um fünf Auswärtsspiele des FC St. Pauli zu verschieben.

Allerdings bestreitet der Stürmer, wirklich eines der Zweitliga-Spiele im Jahr 2008 manipuliert zu haben.

Drohungen und Todesangst

Das Geständnis des vereinslosen Spielers liest sich dennoch wie ein Krimi. Unter anderem habe ein Begleiter des mutmaßlichen Wettpaten Paul R. gedroht, den spielsüchtigen Schnitzler "an einen Pfosten in der Elbe zu binden und auf die Flut zu warten".

Ein Schuldeneintreiber habe Schnitzler eine Pistole an die Schläfe gehalten; er habe in der Angst gelebt, entführt oder getötet zu werden. Spiele verschoben habe er dennoch nicht:

"Ich habe Geld genommen, ja, aber ich habe nicht manipuliert", behauptet er, "ich habe nicht einmal daran gedacht."

"Ein Schlag ins Gesicht"

Der DFB und die DFL reagierten relativ gelassen und kündigten Prüfungen an. Die Offiziellen des FC St. Pauli, für den Schnitzler bis 2009 spielte, waren dagegen tief betroffen.

"Das war ein Schock. Mit so etwas hätten wir nie und nimmer gerechnet", sagte Teammanager Christian Bönig. "Die Tatsache, dass man mit der Wettmafia in Berührung kommt, ist allein schon ein Schlag ins Gesicht. Da wird der Sport mit Füßen getreten. Unfassbar."

St. Pauli: Verdächtige Spiele überprüft

Der Verein habe die Spiele, die Schnitzler manipulieren sollte, bereits überprüft. "Sie waren alle nullkommanull auffällig. Rene Schnitzler hat wohl einen Betrüger betrogen. Hätte er die fünf Spiele manipuliert, hätten wir alle verloren", sagte Bönig und nannte ein entlastendes Beispiel:

"Wir haben in Mainz (beim 2:2 am 23. November 2008, Anm. d. Red.) in der 90. Minute den Ausgleich gemacht. Das sagt doch schon alles."

[kaltura id="0_9xf4sly4" class="full_size" title="Skandal um Schnitzler"]

Es sei bekannt gewesen, dass Schnitzler "viel gespielt" habe: "Ich glaube, er hat eine gewisse Suchtstruktur in sich getragen."

Hain reagiert betroffen

Auch Torhüter Mathias Hain reagierte mit Fassungslosigkeit. "So etwas ist Hochverrat, das Schlimmste, was ich mir für eine Mannschaft vorstellen kann", sagte der Schlussmann, dessen Name indirekt auch genannt worden war, dem "Hamburger Abendblatt".

Schnitzler soll zusätzlich 10.000 Euro erhalten haben, um Hain zu bestechen. Den Torwart habe er aber nicht angesprochen.

"Auch wenn jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich niemals bestechen lassen würde, ist für mich die Tatsache, dass mein Name in einem solchen Zusammenhang auftaucht, extrem schlimm. Man kann es auch eine Höchststrafe nennen", sagte Hain dazu.

Wettpate kein Unbekannter

Die Staatsanwaltschaft Bochum, die im größten Wettskandal der europäischen Fußball-Geschichte ermittelt, steht mit dem Verein in Kontakt. St. Pauli will laut Bönig "alles mitteilen, was wir wissen".

Oberstaatsanwalt Bernd Bienioßek verweigerte genauso wie Schnitzlers Anwalt Rainer Pohlen eine Stellungnahme.

Paul R., der den Profi anwarb, bezahlte und schließlich bedrohte, ist in Bochum kein Unbekannter: Laut "Stern"-Recherchen handelt es sich um einen 51 Jahre alten Niederländer, der eine zentrale Figur des Skandals ist.

Auch mit dem mutmaßlichen Drahtzieher Mario C. hatte Schnitzler Kontakt - unter anderem am Flughafen von Amsterdam, den der Spieler angeblich in Todesangst verließ.

Schnitzler belastet Kollegen

Der Profi behauptet, in einer Zwickmühle gesteckt zu haben. Seit einem Kasino-Besuch in Aachen 2003 sei er spielsüchtig. Um seine Verluste auszugleichen, setzte er schließlich seine Karriere aufs Spiel.

Im Rahmen seiner Schilderungen behauptet er, die Mehrzahl der Top-Spieler seien notorische Zocker.

"Viele Profis haben gewettet wie Wahnsinnige. 70 oder 80 Prozent der Spieler einer Mannschaft setzen auf irgendwelche Partien in irgendwelchen Ligen", sagte Schnitzler, der unter anderem auch bei Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen unter Vertrag stand.

5000 Euro für Koffer-Wette

Aus seiner Zeit bei Bayer berichtet Schnitzler, ein Nationalspieler habe den Kollegen am Flughafen vor einem Testspiel gegen Legia Warschau einen Hut hingehalten: Jeder Profi sollte 500 Euro in den Jackpot einzahlen.

"Da segelten die Scheine, mehr als 5000 Euro lagen drin. Und die hat der kassiert, dessen Koffer zuerst aufs Gepäckband fiel."

Letzte Station in der 5. Liga

Zuletzt spielte Schnitzler beim NRW-Ligisten FC Wegberg-Beeck (5. Liga).

Sein Vertrag dort wurde am 15. Dezember aufgelöst, offiziell, um ihm die Rückkehr in den Profifußball zu ermöglichen.

Der Grund war aber wohl ein anderer: Am 8. Dezember wurde Schnitzler von der Polizei aus dem Bett geholt, die einen Tipp bekommen hat - von Mario C.

Die Liste der Spiele, die angeblich manipuliert werden sollten:

18. Mai 2008: FSV Mainz 05 - FC St. Pauli 5:1 (3:0) / 34. SpieltagSchnitzler nicht dabei

26. September 2008: Hansa Rostock - FC St. Pauli 3:0 (1:0)Schnitzler spielte 90 Minuten

19. Oktober 2008: FC Augsburg - FC St. Pauli 3:2 (0:0)Schnitzler nicht dabei

29. Oktober 2008: MSV Duisburg - FC St. Pauli 1:2 (0:0)Schnitzler nicht dabei

23. November 2008: FSV Mainz 05 - FC St. Pauli 2:2 (0:1)Schnitzler in der 75. eingewechselt

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