vergrößernverkleinern
Von 1976 bis 2004 arbeitete Reiner Calmund für Bayer Leverkusen © getty

Reiner Calmund ist unter die Schriftsteller gegangen. Sein Buch ?fußballbekloppt? beschreibt Krisen und Glücksmomente.

Von Michael Schulz

München - Fußball-Biographien zu schreiben ist ein schmaler Grat.

Sie können lächerlich wirken, ungelesen in den Buchregalen verstauben, Skandale auslösen oder unterhalten.

Reiner Calmund ist mit seinem Buch "fußballbekloppt" letzteres gelungen.

Einen Schwerpunkt seines Werkes bilden, wie der noch 59-Jährige sagt, die "drei Jahrzehnte unter dem Bayer-Kreuz".

Doch der Sport wird auf den 255 Seiten nur benutzt, um Erlebnisse aus seinem Leben und seinen vier Leidenschaften Reden, Fußball, Essen und Reisen miteinander zu verweben.

"Ich habe dieses Buch geschrieben, um Zwischenbilanz zu ziehen. In meinen Worten, in meiner Sprache. (?) Und ich wollte der Öffentlichkeit den anderen Reiner Calmund zeigen."

Sport1.de hat das Buch, das am Donnerstag erscheint, vorab gelesen und beurteilt.

Übertragen aus dem Sepp Herberger Zitat "Ein Spiel dauert 90 Minuten" befindet sich "Calli", der gerne 90 Jahre alt werden würde, derzeit in seinem Leben in der 60. Minute und liegt "zumindest knapp in Führung".

Der Vater stirbt in Vietnam

Fußball prägt sein Leben im Kölner Umland zwischen Brühl und Frechen und er verbringt mehr Zeit mit dem runden Leder als mit Schule, Hausaufgaben oder Akkordeon spielen.

Sein Vorbild bis heute ist aber kein Sportler, sondern "meine Mutter, der ich alles zu verdanken habe".

Sein leiblicher Vater verließ die beiden 1952 nach einem Streit mit der Mutter, ging zur Fremdenlegion und fiel zwei Jahre später in Vietnam. Warum die Suche nach dem Grab erst 2008 erfolgreich war und nicht ohne Folgen bleiben sollte, wird in "fußballbekloppt" eindrucksvoll und ohne Pathos beschrieben.

Erste Schritte als Sportreporter

Dass Calmund als Kind zu dünn war und in Kur musste, kann man sich ebenso wenig vorstellen wie seinen Job als Sportreporter der "Kölnischen Rundschau".

Doch in seiner Ausbildung zum Groß und Außenhandelskaufmann und im späteren Berufsleben als Bayer-Manager beweist er sein Organisationstalent, gepaart mit einer "Mischung aus pflichtbewussten Westfalen und lebensfrohen Kölner".

Dies kommt ihm auch zu Nutzen, als er Anfang 20 nach einer schweren Knieverletzung seine Fußballschuhe an den Nagel und als Jugendtrainer tätig wird.

So kommt es auch zur schicksalhaften Begegnung an einem regnerischen Novembertag 1976 in der Verbandsschule Hennef, "die mein Leben von Grund auf ändern sollte".

Bei einem Auswahlspiel bietet ihm der damalige Trainer des Zweitligisten Bayer Leverkusen, Willlibert Kremer, einen Job in der Jugendabteilung des Werksklub an.

Erst 2004 wird der "Frontmann der Pillenkicker" Leverkusen verlassen.

Vizemeister und Absteiger

Dazwischen liegen ein Bundesliga-Aufstieg, mehrere Fastabstiege und Vizemeisterschaften, aber auch ein Sieg im DFB- und UEFA-Pokal. Die "Koksaffäre" mit Christoph Daum 2000 übersteht "Calli" ebenso unbeschadet wie 2006 die "Bayer-Affäre". Letztere hat aber tiefe Wunden hinterlassen, gerade in seiner Familie.

Calmund schafft es trotz ausführlicher Beschreibungen, scharf zu analysieren und auf den Punkt zu kommen. "Sein Erfolg basiert zum großen Teil darauf, dass er gedanklich schneller ist als seine Konkurrenten", sagt Jorginho.

"Mein Jahrhundert-Transfer"

Der brasilianische Außenverteidiger kommt ebenso zu Wort wie Ulf Kirsten, Rudi Völler, Michael Ballack und Bernd Schuster. Der "blonde Engel" steht zwar wie die anderen vier in seinem Lieblingskader, doch Calmund erklärt, warum die Ära Schuster in Leverkusen "beinahe in der Hölle landete".

Anekdoten über Kirsten ("mein Jahrhundert-Transfer") oder dessen Bestrafung mit einem 10-Stunden-Flug von Washington nach Deutschland, einem Pizzabäcker als Spion bei Spielerbeobachtern, überstürzte Fluchten in Brasilien, Todesgefahr bei der Emerson-Verpflichtung ziehen den Leser in ihren Bann und sind die Stärken dieses lesenwerten Buches.

Man wünscht sich fast eine Hörbuch-CD von "fußballbekloppt", gelesen von Calmund.

Weil er sich in seinen Schilderungen selbst treu bleibt und sich nicht wie viele andere Fußballer in ihren Biographien selbstüberschätzt.

Daher lautet Calmunds letzter Satz - eine Liedzeile seiner Kölner Lieblingsgruppe "Höhner" - auch: "Nemmt mich so wie ich bin, einfach so wie ich ben. Ich weiß jenau dat ich Fehler hann, doch anders kann ich nit sinn."

- Reiner Calmund, fußballbekloppt, München, Bertelsmann, 2008, 255 Seiten, 19,95 Euro -

Fragen Sie Calli

Reiner Calmund im Sport1.de-Interview

Zurück zur Startstart-SeiteZum Forum - jetzt mitdiskutieren

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel