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Auch Anton Hysens Brüder Alexander und Tobias sind als Fußballer aktiv © imago

Der Schwede Anton Hysen hat sich als schwul geoutet - und sieht darin "keine große Sache". Er ist eine Ausnahmeerscheinung.

Von Martin Hoffmann

München - Anton Hysen spielt bei Utsiktens BK, in Schwedens Vierter Liga.

Eigentlich kein Arbeitsplatz, an dem ein Fußballer im Zentrum europaweiter Aufmerksamkeit steht.

Der 20 Jahre junge Mittelfeldspieler änderte das vor zwei Wochen mit einem Satz: "Ich bin Fußballer - und ich bin schwul."

Der Sohn des Ex-Nationalspielers Glenn Hysen kann sich nun vor Aufmerksamkeit nicht mehr retten. Er ist weltweit in den Nachrichten, bekommt Interview-Anfragen zugeschickt, Einladungen, Geschenke, haufenweise Briefe und Mails.

Fast nur positives Echo

Einer schrieb ihm unfreundliche Beleidigungen, verbunden mit der Information: "Du hast mein Leben ruiniert, ich werde mir keinen Fußball mehr ansehen."

Davon abgesehen waren nach Hysens eigener Auskunft alle direkt an ihn gerichteten Reaktionen "wirklich positiv" - so wie es auch praktisch alle medialen Kommentare zum Thema sind.

Grund sich zu freuen, einerseits. Andererseits ärgert sich Hysen auch über den Grund, der hinter all dem Trubel steckt: Dass er der einzige halbwegs bekannte Fußballer ist, der öffentlich ausspricht, dass er homosexuell ist.

"Wo zum Teufel sind all die anderen?", fragt sich Hysen: "Das ist doch krank, wenn man einmal darüber nachdenkt." Es sei doch alles eigentlich "keine große Sache".

Abschreckende Beispiele

Dass ein Outing auch anders laufen kann, zeigt ein Fall, den der preisgekrönte TV-Journalist Aljoscha Pause in der Doku "Fußball ist alles - auch schwul" (So., ab 13 Uhr im TV auf SPORT1) thematisiert.

Der französische Amateur-Fußballer Yoann Lemaire wurde aus seinem Verein FC Chooz geworfen - zum Schutz vor feindseligen Reaktionen, wie sich der Klub rechtfertigte.

Ein noch abschreckenderes Beispiel war der Fall von Justin Fashanu: Der englische Erstliga-Stürmer outete sich 1990 im Boulevardblatt "Sun".

Nach Outing verstoßen

Es tat weder seiner Karriere noch seinem Seelenleben gut: Bei keinem Klub bekam er noch einen längeren Vertrag, ein eigener Bruder John verstieß ihn öffentlich.

Acht Jahre später beging er Selbstmord, nachdem ihm sexuelle Belästigung an einem Minderjährigen vorgeworfen wurde.

Er fühlte sich wegen seiner Homosexualität vorverurteilt und wollte seiner Familie keine Schande mehr bereiten, hinterließ er in seinem Abschiedsbrief.

Eine unkalkulierbare Bürde

Fashanus Fall liefert einen Überblick über alles, was schwule Profifußballer vor einem Outing zurückschrecken lässt.

Es ist nicht nur die Angst vor Negativreaktionen von homophoben Kollegen und Fans oder gestrigen Funktionären wie Luciano Moggi ("Es gibt keine Schwulen im Fußball. Ich weiß nicht ob Spieler etwas dagegen haben, sie ihn ihrem Team zu haben, ich habe es aber definitiv.")

Es ist auch die unkalkulierbare psychologische Bürde der Aussicht fortan nur noch "der schwule Fußballprofi" sein.

Corny Littmann, der schwule Ex-Präsident des FC St. Pauli, hat gemutmaßt, dass sich in Deutschland erst eine Gruppe von Profi-Fußballern für ein Outing zusammenfinden müsste - um die zu erwartende Last zu teilen.

Zwanziger ersehnt Entkrampfung

DFB-Präsident Theo Zwanziger betont regelmäßig, dass er jedem die Bürde erleichtern würde, der dieses Wagnis eingehen würde.

Eben erst hat er zum wiederholten Mal jedem Fußballer, der sich outen wollen würde, "die Unterstützung des DFB und von mir" zugesichert.

Auch er aber geht das Thema defensiver an, seit er in Erste-Hand-Gesprächen mitbekam, wie groß die Sorgen der Betroffenen sind: "Ich muss respektieren, dass ein Spieler in solch einer Lebenssituation nicht den Weg über die Öffentlichkeit sucht."

Bierhoff sauer über "Tatort"

Eine Öffentlichkeit, in der Homosexualität im Fußball für enorme Aufmerksamkeit taugt - aber vor allem dann, wenn es für Aufregung und Irritationen sorgt.

Aktuell zu beobachten an den Folgewirkungen des "Tatorts", das mit dem Thema am vergangenen Sonntag fast 9,5 Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockte.

Um dort am Ende aus dem Mund eines fiktiven schwulen Profis den Satz zu hören: "Wissen Sie, die halbe Nationalmannschaft ist angeblich schwul, einschließlich Trainerstab. Das ist doch schon so eine Art Volkssport, das zu verbreiten."

Die Reaktion von DFB-Teammanager Oliver Bierhoff: "Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie - die Familie der Nationalmannschaft. Und das ärgert mich." Eine Reaktion, die auch das Potenzial hat, in falsche Hälse zu geraten.

Ein weiter Weg

Auch eine Episode aus England illustriert, wie schwer sich der Sport bis heute mit der Thematik tut.

Der englische Verband FA wollte im vergangenen Jahr mit der Kampagne "Kick Homophobia Out of Football" Flagge gegen die Schwulenfeindlichkeit im Sport zu zeigen.

Ihre Veröffentlichung wurde verzögert, weil sich kein Fußballer fand, der in einer Videobotschaft dafür einstehen wollte.

Es ist noch ein weiter Weg, bis ein schwuler Fußballer wirklich keine große Sache mehr ist.

TV Hinweis:

Dokumentation: Fußball ist alles - auch schwul!, Sonntag, 27. März, 13 Uhr auf SPORT1

Die SPORT1-Dokumentation ist nach "Das große Tabu" (2008) und "Tabubruch" (2009) die Fortsetzung der Erfolgsreihe (u.a. Adolf-Grimme-Preis 2010) von Aljoscha Pause zum Thema Homophobie im Fußball.

Im dritten Teil äußern sich unter anderem Klaus Wowereit, Dr. Theo Zwanziger und Maria Furtwängler zur Tabuisierung von Homosexualität in Deutschlands beliebtestem Mannschaftssport.

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