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Rudi Völler (l.) führte die deutsche National- mannschaft 2002 zur Vize-Weltmeisterschaft © getty

Philipps Lahms kritische Kommentare in seinem Buch sorgt für erheblichen Wirbel. Bayern und DFB schweigen, Rudi Völler schimpft.

Von Martin Volkmar

München - Die Attackierten sind sauer, der DFB und der FC Bayern hüllen sich in Schweigen:

Philipps Lahms kritische Kommentare vor allem in Richtung seiner früheren Trainer in seinem Buch "Der feine Unterschied" sorgt für erheblichen Wirbel.

Doch während Felix Magath, Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal zunächst die Faust in der Tasche geballt haben dürften, schlug Rudi Völler mit harschen Worten zurück.

Der ehemalige DFB-Teamchef und derzeitige Sportchef von Bayer Leverkusen bezeichnete Lahms Aussagen als "erbärmlich und schäbig".

"Interna aus dem DFB-Team-Kreis öffentlich zu machen, zeigt, dass er keinen Funken Anstand hat. Aber mich wundert bei Lahm nichts mehr", sagte Völler der "Bild".

"Auf dem Platz Weltklasse, außerhalb Kreisklasse"

Lahm habe "null Charakter", ergänzte Völler gegenüber der Nachrichtenagentur "dpa": "Auf dem Platz Weltklasse, außerhalb Kreisklasse."

Und weiter: "Ich empfinde das als Frechheit ohnegleichen, was er da beispielsweise über seinen ehemaligen Trainer Jürgen Klinsmann geschrieben hat."

Lahm selber wiegelte nach dem 1:0-Sieg im Champions-League-Spiel beim FC Zürich (Bericht) ab: "Es ist nicht der richtige Ort, sich darüber zu äußern. Wer das Buch richtig liest, merkt, dass es keine Abrechnung ist", sagte der Bayern-Kapitän.

Keine Rückendeckung vom FC Bayern

Doch das wird mehrheitlich offenbar anders gesehen. Selbst von seinem Klub erhielt der 27-Jährige keine Rückendeckung:

FCB-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge verweigerte auf Nachfrage von SPORT1 jeglichen Kommentar.

In seinem am nächsten Montag erscheinenden Buch, aus dem die "Bild" derzeit Vorabauszüge veröffentlicht, wirft Lahm unter anderem Völler und Klinsmann Mängel bei der Trainingsarbeit vor. (NEWS: Lahm kritisiert Klinsmann)

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Völlers Training: "Lustig, aber völlig unsystematisch"

Unter Völler habe man in der Nationalmannschaft vor der EM 2004 "nicht Spezielles" trainiert. "Lustig, ja, und völlig unsystematisch", heißt es über Völlers Methodik

"Bei Klinsmann trainierten wir fast nur Fitness. Taktische Belange kamen zu kurz", schreibt Lahm über die Zeit mit dem damaligen Bayern-Coach.

Schon "nach sechs oder acht Wochen" hätten alle Spieler gewusst, "dass es mit Klinsmann nicht gehen würde. Der Rest der Saison war Schadensbegrenzung".

Auch Kritik an Magath und van Gaal

Seine ehemaligen Vereins-Trainer beim FC Bayern, Louis van Gaal und Felix Magath, sowie Teamkollegen in der Nationalmannschaft bei der EM 2008 hatte Lahm ebenfalls kritisiert.

So habe sich van Gaal "während seiner zweiten Saison schlicht geweigert, die Mängel seiner Philosophie zur Kenntnis zu nehmen und zu beseitigen. Diese Mängel betreffen die Defensive".

Auch Ottmar Hitzfeld, der Lahm ebenfalls in München trainierte und den der Buchautor nicht kritisiert hatte, zeigte kein Verständnis.

"Ich finde das eigentlich nicht günstig, denn als aktueller Nationalspieler sollte man sich ein wenig zurückhalten. Das ist ja ein Buch, das Kritik übt an seinen Vorgesetzten. Und da fragt man sich, warum hat er die Kritik nicht früher angebracht?", fragte der Schweizer Nationalcoach bei "Sky".

"Falsch beraten"

"Als Klinsmann da war, als van Gaal da war, hat er sich ja auch immer zurückgehalten. Und das finde ich eigentlich schade. Das ist Philipp Lahm, der eigentlich einen guten Charakter hat, nie negativ auffällt und immer moderate Interviews gibt, ein bisschen falsch beraten."

Abzuwarten bleibt, ob Verein und vor allem der DFB mit Sanktionen auf das Ausplaudern von Interna reagieren. Grundsätzlich gilt ein solches Verhalten in der Branche als absolutes No-go.

"Ich bin mal gespannt, wie der DFB jetzt reagiert und wie man dort mit den Veröffentlichungen umgeht", forderte Völler indirekt Konseqenzen.

Vorerst keine Stellungnahme vom DFB

Der Verband verweigere aber ebenso wie Rummenigge am Mittwoch eine konkrete Stellungnahme.

"Um die Situation seriös bewerten und sorgfältig einordnen zu können, müssen unsere Entscheidungsträger erst einmal das Gesamtwerk kennen, um sich so einen kompletten Überblick über die Inhalte und Zusammenhänge zu verschaffen", sagte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker.

Allerdings dürfte die Abrechnung mit der EM-Mannschaft von 2008, von der noch zahlreiche Spieler im aktuellen DFB-Kader stehen, bei Bundestrainer Joachim Löw nicht auf Begeisterung stoßen.

EM-Team von 2008 ein "zerstrittener Haufen"

Das damalige Team bezeichnete Lahm als "zerstrittenen Haufen". Es habe zu viel Egoismus gegeben.

Der Bruch innerhalb der Mannschaft offenbarte sich demnach bei der 1:2-Niederlage gegen Kroatien im zweiten Gruppenspiel.

"Ältere Spieler scheißen junge Spieler auf dem Platz zusammen. Statt füreinander in die Bresche zu springen, zieht einer den anderen runter", schreibt Lahm - bzw. sein österreichischer Ghost Writer Christian Seiler.

Auch bei der Aussprache am nächsten Tag sei man auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. "Manche Spieler machen kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen andere. Aber es wird nichts ausgeprochen."

Der Sturm der Entrüstung macht den Eindruck, dass Lahm besser bei dieser Marschroute geblieben wäre.

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