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Philipp Lahm stand 2010 mit dem FCB im Finale der Champions League © imago

Völler legt in seiner Kritik am Buch des Bayern-Kapitäns nach. Wolfsburgs Coach Magath wirft Lahm finanzielle Interessen vor.

Von Mathias Frohnapfel

München - Philipp Lahm hat sich zurückgehalten, als er zum ersten Mal auf die kritischen Aussagen von Oliver Kahn angesprochen wurde.

Die Bayern-Ikone hatte in einem Blog gepoltert, Deutschland fehlten die Führungsspieler und Lahm sowie Bastian Schweinsteiger würde mehr an ihr Image denken als an den Erfolg.

Lahm reagierte darauf "ganz gelassen", was "irgendein ehemaliger Bayern-Spieler" schreibe, interessiere ihn nicht.

Und außerdem wusste der Nationalspieler, dass er ja noch ein Buch in der Hinterhand haben würde.

Ein Buch, mit dem Lahm in aller Ausführlichkeit seine Sicht der Dinge darlegt. Und obendrein ein Werk, das dem Bayern-Kapitän schon vor der Veröffentlichung um die Ohren fliegt.

Lahm macht Völler lächerlich

Wie Marcel Reich-Ranicki in Hochform hat Rudi Völler das Buch "Der feine Unterschied" zerrissen.

"Auf dem Platz Weltklasse, außerhalb Kreisklasse", nannte Völler den Buchautoren Lahm (BERICHT: Lahm in der Kritik). Dem früheren Teamchef trieb es bei der Lektüre nahe an eine Explosion wie bei seiner legendären Mist-Käse-Tirade nach dem Island-Match 2003.

Lahm berichtet von der EM 2004 unter Coach Völler, nennt Details: "Das Training läuft erstaunlich locker ab (?) Mir kommt das so vor, als würden ein paar Kumpels miteinander in die Ferien fahren, um Fußball zu spielen (...) Ich glaube, dass damals viele Playstations geglüht haben."

Und er präzisiert: "Wir trainieren nichts Spezielles, außer vielleicht Flanken von der Seite in die Mitte, wo dann irgendwer unbedrängt den Ball annimmt und aufs Tor haut. Lustig, ja, und völlig unsystematisch."

Keine Videoanalysen

Völler ärgert sich gewaltig über Lahm, der nun nicht nur mehr als Besserspieler, sondern auch als Besserwisser dasteht.

Zumal der 27-Jährige lästert: "Es will aber auch niemand über den Gegner Bescheid wissen, und es gibt auch keine Besprechung, in der eine Taktik festgelegt würde. Die einzige Besprechung, an die ich mich erinnere, ist die, in der Rudi Völler die Mannschaftsaufstellung bekannt gibt."

Auch auf Videoaufzeichnungen zur Analyse der eigenen Fehler habe das Trainerteam damals verzichtet.

[kaltura id="0_jma8dtad" class="full_size" title="Hitzfeld von Lahm entt uscht"]

Völler glaubt an Intrige

Täglich veröffentlicht derzeit die "Bild" Vorabauszüge aus Lahms Buch. Völler, der das Buch noch nicht gelesen hat, genügen diese Auszüge völlig für ein vernichtendes Urteil.

Und der Leverkusener Sportchef erwartet gespannt, wie der DFB reagiert.

Völler holt indes schon mal Material aus dem Giftschrank und ätzt via "Bild": "Ein Kapitän, der sich durch eine Intrige zum Kapitän macht und anschließend Interna ausplaudert, da sage ich nur - Kompliment!"

Interview mit Berechnung?

Und zur Beweisführung ergänzt Völler: "Ich wiederhole mich: Wer ihm beim Ballack-Interview damals noch geglaubt hat, hat ihn nun durchschaut. Ich bin nun gespannt, wie die Nationalmannschafts-Führung damit umgeht."

Lahm hatte in Südafrika just an jenem Tag ein Interview gegeben, als der verletzte und auf Besuch am Kap weilende Ballack die deutsche Mannschaft wieder verlassen hatte.

Der Außenverteidiger tönte damals: "Es ist doch klar, dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte. Die Rolle macht mir sehr viel Spaß. Wieso sollte ich das Amt dann freiwillig abgeben?"

Die Branche reagiert auf Lahms Gehversuche als Schriftsteller angewidert wie auf ein Straftraining auf einem Malteser Sandplatz.

Auch Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld, der nicht angegriffen wird, kritisiert das Ausplaudern von Interna, hält Lahm für "falsch beraten".

Magath: "So wird man keine Persönlichkeit"

Der Münchner Kapitän klärt auch großzügig über die Versäumnisse der früheren Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann, Louis van Gaal und Felix Magath auf.

Der Wolfsburger Coach hat jetzt eine scharfe Antwort gegeben. Er wirft seinem ehemaligen Musterschüler sogar Geldgier vor.

"Ich kann dazu nur eins sagen: So wird man keine Persönlichkeit! Jeder, der ein Buch schreibt, will dieses Buch ja auch verkaufen; sprich: Geld damit verdienen", polterte Magath in der "Welt". "Darum muss halt etwas drinstehen, was die Leute interessiert."

Lob für Jogi Löw

Von Lahms Generalkritik bleibt übrigens Bundestrainer Joachim Löw ausgenommen.

"Jogi Löw erweist sich schon bei den ersten Trainingseinheiten als gewiefter Taktiker", schreibt Lahm beziehungsweise sein österreichischer Ghost Writer Christian Seiler.

"Es ist interessant, was er über jede einzelne Position zu sagen weiß, vor allem für einen Spieler, dem bisher kein Trainer Anregungen gegeben hat, wie er die Position des linken Verteidigers vielleicht interpretieren könnte."

Dennoch wird auch Joachim Löw sich Lahms Erkenntnisse genau zu Gemüte führen, zu harsche Worte in der Öffentlichkeit gefallen auch dem Bundestrainer nicht.

Das Team, das es 2008 bei der EM bis ins Finale schaffte, hat Lahm als "zerstrittenen Haufen" in Erinnerung. Auch Löw dürfte das nicht zusagen.

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