Das Buch des DFB-Kapitäns hat einen Kritik-Orkan entfacht - wird ihm am Ende aber mehr nutzen als schaden. Ein Meinungsbeitrag.

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München - Der Heilige Gral ist seit diesem Montag zu kaufen. Oder zumindest das, was in der vergangenen Woche wie der Heilige Gral erschien - so gebannt wie ganz Fußball-Deutschland darum kreiste.

Philipp Lahms viel diskutiertes Buch "Der feine Unterschied" ist zum Verkauf freigegeben, auf Platz eins der Bestseller-Listen ist es schon - dank der vielen Vorbesteller.

Wer es sich in Hoffnung auf weiteren Sprengstoff gekauft hat, wird enttäuscht werden: Das Aufreger-Potenzial des Buchs hat sich mit den Vorab-Veröffentlichungen erschöpft - womit auch der großen Lahm-Debatte der vergangenen Tage die Luft ausgehen wird.

Nerlinger: "Diskussion wird verschwinden"

Bayern-Sportchef Christian Nerlinger prophezeit bei SPORT1, "dass sich diese Diskussion in den nächsten Tagen sehr stark verharmlosen, wenn nicht sogar ganz verschwinden wird".

Auch Lahm erwartet ein Ende der "Hysterie", in deren Zentrum er zuletzt stand.

Lahm hat sieben Tage hinter sich, in der sich annähernd jede Fußballpersönlichkeit des Landes über seinen Schreibdrang gewundert bis empört hat (KOLUMNE: "Nicht hilfreich für Rudi Völlers Integration").

Im krassen Gegensatz zum Überfluss an den öffentlichen Hinterkopf-Schlägen für Lahm steht aber der Mangel an greifbaren Konsequenzen für den Bayern- und DFB-Kapitän.

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Ein Klaps auf die Hüfte

Von Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Manager Oliver Bierhoff gab es zwar öffentliche Ordnungsrufe und eine kritische Unterredung zum Start der Länderspielwoche (BERICHT: Reuiger Lahm bleibt Kapitän).

Im Ergebnis läuft das alles aber auf nicht mehr als einen Klaps auf die Hüfte hinaus. Beim FC Bayern gibt es nicht einmal den.

Stattdessen ein freundliches Darüberhinweggehen von Coach Heynckes und sogar Rückendeckung von Nerlinger und Hoeneß (BERICHT: Bayern-Bosse stützen Lahm).

Kein Wunder, beschränken sich die kritischen Buchpassagen über den eigenen Klub auf die Ex-Trainer - die ziemlich genau aus den Gründen Ex-Trainer sind, die Lahm schriftlich festgehalten hat.

[kaltura id="0_mua2xhc0" class="full_size" title="Lahm und V ller reichen sich die Hand"]

Bröckelt die Autorität wirklich?

Bleibt die Frage nach den nicht greifbaren Konsequenzen.

Die Frage, ob Lahms Autorität über seine Mitspieler nun tatsächlich dahinbröckelt - unter dem Eindruck, dass künftig alles, was man zu ihm sagt oder mit ihm tut, ausgebreitet werden könnte in "Die neuen Abenteuer des feinen Unterschieds".

Lahm glaubt es nicht. Er sieht "kein Problem für die Zukunft" - und dürfte damit richtiger liegen, als seine Kritiker denken.

Eine Entschuldigung, die kaum eine ist

Nicht wegen der Entschuldigungen, die er der wohl auch für ihn unerwartet großen Aufregung folgen ließ.

Die war genau besehen gar keine. Entschuldigte er sich doch nicht für sein Buch, das er nach eigenem Bekunden mit "Nullkommanull" Änderungen wieder veröffentlichen würde (BERICHT: Lahm: "Ich attackiere keinen, ich analysiere").

Er drückte bei SPORT1 zum wiederholten Male nur sein Bedauern dafür aus, "wie die Dinge dargestellt worden sind".

Lahms Chuzpe

Es ist Chuzpe, wenn man bedenkt, welcher Zeitung Lahm die exklusive Darstellung der verkaufsfördernden Vorabdrücke überlassen hat.

Und dass er so gut wie kaum ein anderer weiß, dass jedes Wort, dass er in die mediale Öffentlichkeit - gerade in Buchform - lässt, dort mehrfach umgedreht wird und ein Eigenleben fernab des Kontexts entwickeln kann.

Lahm muss gewusst haben, dass er denen, denen er nun vorwirft, "wie Goldsucher" nach Krach-Passagen zu suchen, seine wenigen, kleinen Nuggets hinterlegt hat.

Gemeinheiten, aber keine ziellosen

Seine (Über-)Zeichnung der DFB-Ära Völler als eine Art fußballerische Jungsteinzeit mit Playstations (wobei er betont, in anderen Ländern sei es nicht anders gewesen).

Die Darstellung der älteren Mitspieler bei der EM 2008 als Meckerpötte, die ihre jüngeren Kollegen heruntergezogen haben.

Es sind mit und ohne Kontext Gemeinheiten - wobei es wenige sind, und keine wahl- und ziellosen. Lahm reibt sehr bewusst nicht an seinen aktuellen Wegbegleitern, sondern an denen der Vergangenheit.

Und die wenigen Enthüllungen über sie dienen Lahms altbekannter Leitbotschaft: Dass sich im Fußball von heute die Dinge geändert hätten. Und dass das auch gut so sei.

Die Antwort auf das "Warum?"

Dieser Punkt führt zu der von so vielen Außenstehenden gestellten Frage: Wozu schreibt ein 27-jähriger Aktiver schon sein Fußball-Leben auf? Wo er doch Geld und Ruhm schon ausreichend hat? Was hat er davon außer Scherereien? (BERICHT: Geldgierg und intrigant: Lahm unter Beschuss)

Die Antwort ist am Ende dieselbe wie bei jedem, der sein geschriebenes Wort veröffentlicht: Weil er gelesen werden will.

Und seinen Lesern etwas sagen - nicht zuletzt, dass man jemand ist, der etwas zu sagen hat.

Meinungsführer seiner Generation

Über allen Einzelbotschaften steht bei Lahm ein Kernanliegen: Dass er für sich das Recht in Anspruch nimmt, sich kritisch mit den Dingen auseinanderzusetzen - auch und gerade in der Öffentlichkeit, wenn er Bedarf sieht.

Genau das ist das, was ihm unisono fast alle älteren Vertreter des Geschäfts - ob Trainer oder Experten - übel nehmen. Sie kritisieren interessanterweise wenig bis gar nicht, was er kritisches in dem Buch geschrieben hat, sondern dass er kritisches geschrieben hat.

Ebendiese Altvorderen-Schelte trägt dazu bei, dass Lahm am Ende doch als genau das dasteht, als was er dastehen will: als wagemutiger Meinungsführer der jungen Spielergeneration.

Eine, die miteinander nicht so autoritär umgeht - die sich aber gegenüber den Autoritäten über ihnen mehr Mitsprache herausnimmt.

Kritik und Spott werden abebben

Bricht Lahms Leistung auf dem Platz nicht ein, werden die Kritik und der Spott am "Hobby-Literaten" nachlassen und an ihm abperlen wie an der berühmten Teflon-Schicht.

Er wird, auch wenn es anfangs nicht so schien, nicht beschädigt dastehen, sondern genau wie geplant in seinem Profil gestärkt.

Wobei Lahm Wert auf die Feststellung legt: "Ich achte nicht auf mein Image." Etwas anderes zu sagen, wäre aber auch nicht gut fürs Image.

Philipp Lahms Buch "Der feine Unterschied" im SPORT1-Shop

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