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Trainer Rudi Gutendorf zieht seit 1954 um den Globus und feiert seinen 85. Geburtstag © imago

Rudi Gutendorf feiert seinen 85. Geburtstag. Der Weltenbummler erinnert sich und verrät seinen sehnlichsten Wunsch.

München - Er trank Whisky mit Salvador Allende, versöhnte im Bürgerkrieg von Ruanda und entdeckte Anthony Yeboah in Ghana: Rudi Gutendorf hat (fast) alles gesehen auf der Welt.

Der Trainer mit 55 Stationen auf fünf Kontinenten besiegte mit Nepal das große Indien, wurde im Iran als Ungläubiger gefeuert und bei Pinochets Putsch in Chile angeschossen.

Am Dienstag wird "Rudi Rastlos" 85 Jahre alt, im Ruhestand befindet er sich aber noch lange nicht.

"Ich trainiere die Elf von Lotto Rheinland-Pfalz. Mit Spielern wie Wolfgang Overath oder Stefan Kuntz haben wir 1,1 Millionen Euro für wohltätige Zwecke eingespielt - und noch kein Spiel verloren", berichtet der Erfinder der Riegel-Abwehrtaktik.

Bürgerkrieg in Ruanda

Im März erhielt der gebürtige Koblenzer das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Doch richtig stolz machen Gutendorf seine verrückten Erlebnisse "in den dunkelsten Ecken der Erde", wie er es nennt.

In Ruanda etwa, seiner vorletzten Station, erlebte Gutendorf 2002 den Bürgerkrieg und Völkermord hautnah. "Tutsi und Hutu haben sich gegenseitig den Hals abgeschnitten. Ich habe sie am Lagerfeuer zumindest ein wenig überzeugt, dass Rache nichts bringt", erzählt Gutendorf.

Geholfen hat ihm dabei ein Sieg gegen das übermächtige Kenia: "Ein Hutu hat geflankt, ein Tutsi ins Tor geköpft. Der gemeinsame Torjubel danach war der größte Erfolg meiner Karriere. Viel wichtiger, als mit Schalke ins Europapokal-Halbfinale einzuziehen."

Eintrag ins Guiness Buch

In 28 Ländern saß der Weltenbummler auf der Trainerbank, darunter Fidschi, Tonga und Samoa, drei Nationalteams aus der Südsee.

"Alle Stationen bekomme ich nicht mehr zusammen. Aber das ist ein einmaliger Weltrekord, der wohl nie mehr gebrochen wird", sagt Gutendorf, der es bis ins Guinness Buch der Rekorde geschafft hat.

Und Anekdoten für gleich mehrere Abende vor dem Kamin auf Lager hat. Etwa die von Sitiveni Rabuka.

"Während meiner Zeit auf den Fidschi-Inseln ist eine Revolution ausgebrochen. Rabuka, ein glänzender Rugby-Spieler, der bei mir trainiert hat, ist mit einem Revolver ins Parlament gegangen und hat alle rausgeschossen. Am nächsten Tag stand er als Staatspräsident wieder bei mir auf dem Platz", erzählt Gutendorf.

Schussnarbe an der Unterlippe

In Chile musste er wegen seiner Freundschaft zu Ex-Präsident Salvador Allende fliehen und wurde dabei angeschossen: Geblieben ist eine Narbe an der Unterlippe.

In Australien wurde er Sportler des Jahres, in Ghana entdeckte er einen talentierten 18-Jährigen namens Yeboah.

Und dann hat Rudi Gutendorf natürlich noch den berühmten "Riegel" erfunden - jene deutsche Version des Catenaccio, mit der er den MSV Duisburg 1965 auf den zweiten Platz der Bundesliga führte.

"Ich hatte Angst, dass wir direkt absteigen würden, und daher gemauert. Vorne ein Stürmer, die anderen zurück - so sind wir Vizemeister geworden", sagt Gutendorf über die Defensiv-Taktik, auf die er heute noch schwört.

Gutendorfs größter Wunsch

Seinen 85. Geburtstag feiert Gutendorf mit alten Weggefährten und Freunden. 100 Gäste sind geladen, darunter DFB-Präsident Theo Zwanziger und "Modern Talking"-Sänger Thomas Anders, der wie Gutendorf aus Koblenz stammt.

"Ich freue mich sehr über diese Resonanz. 85 ist eine runde Sache. Man weiß nicht, wie oft man noch so groß feiern wird", sagt der Jubilar.

Sein größter Wunsch wird allerdings auch in diesem Jahr unerfüllt bleiben.

"Ich weiß, was Fußball bewirken kann. Mein Traum ist es daher, im Nahen Osten ein Fußballspiel zwischen Israel und Palästina zu erleben", sagt der Abenteurer.

Doch auf ein Länderspiel im Gaza-Streifen muss wohl auch ein Rudi Gutendorf vorerst noch ein wenig warten.

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