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SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf Bernd Heynemann zum Interview © getty

Der frühere FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann spricht im SPORT1-Interview über die aktuelle Schieflage im Schiedsrichterwesen.

Von Reinhard Franke

München - Die Kritik nimmt zu, der Druck wächst, und die Rivalen reiben sich die Hände:

Das Chaos rund um den neuen Schiedsrichter-Skandal beim DFB nimmt immer skurilere Formen an. (BERICHT: Steueraffäre weitet sich aus). Selbst DFB-Präsident Theo Zwanziger geriet zuletzt in die Schusslinie (BERICHT: Zwanziger sauer auf Koch).

Einer, der 30 Jahre aktiv als Schiedsrichtrer tätig war, ist Bernd Heynemann. Seine Karriere als aktiver Schiedsrichter musste er wegen der Altersgrenze von 47 Jahren beenden.

Bis August 2010 wurde Heynemann als Schiedsrichterbeobachter auf nationaler (1. und 2. Fußball-Bundesliga) und internationaler Ebene (UEFA-Champions-League) eingesetzt.

Heynemann spricht bei SPORT1 über die aktuellen Probleme in der Schiedsrichterszene und drückt seine Enttäuschung über den DFB aus. Der 57-Jährige verrät, dass nach 30 Jahren bei seinem Ende Mobbing eine Rolle spielte.

SPORT1: Herr Heynemann, die Schiedsrichter sind mal wieder im Gerede. Wie besorgt sind Sie?

Bernd Heynemann: Man muss sagen, dass die Leistung der Schiedsrichter in den letzten Wochen nicht gut war. Jetzt kommt noch die Steuergeschichte hinzu und so entsteht natürlich ein Schiedsrichter-Thema, was nicht nur die Fußballwelt, sondern auch die Schiedsrichter selber interessiert.

SPORT1: Sie sprachen von den "Big Points", die gerade den Unterschied machen.

Heynemann: Es gibt im Spiel 100-150 Entscheidungen. Es geht nicht um die Millimeterentscheidungen, es geht um die "Big Points, also Elfmeter, Gelbe Karte, Rote Karte. Da sind einige Entscheidungen getroffen worden, wo sich einige Offizielle, auch Rudi Völler, zuletzt erregt haben. Und Völler ging es um die Gleichbehandlung, weil es in einem Spiel eine ähnliche Situation gab und es nur Freistoß und keine Karte gab. Und in der 92. Minute gab es für seinen Spieler (André Schürrle, Anm. d. Red.) die Rote Karte. Und solche Entscheidungen haben die Diskussion ausgelöst.

SPORT1: Was sagen Sie zur aktuellen Steuerdiskussion?

Heynemann: Ich gehe von den Tatsachen aus und die Ermittlungen in den Räumen des DFB sind nicht aus Spaß durchgeführt worden. 70 aktive und ehemalige Schiedsrichter werden verdächtigt. Insgesamt ist das nicht gut für die Schiedsrichter. Es ist ein weiterer Punkt, um zu überlegen, was passiert in Zukunft mit den Spitzen-Schiedsrichter-Wesen. Man muss sehen, wie sich das darstellt. Wenn man vom Fall Hoyzer und zwei, drei, vier Beteiligten ausgeht, dann ist diese Zahl alarmierend und allein die Zahl 70 lässt Schlimmes vermuten.

SPORT1: Jahrelang durfte keine Kritik an den Schiedsrichtern geäußert werden, jetzt kommt ausgerechnet von Ihnen die volle Breitseite.

Heynemann: Wenn wir einen Kuschelkurs fahren wollen, dann sagen wir "gut, der Schiedsrichter hat es nicht gesehen, es ist alles in Ordnung". Es geht aber darum Fehler abzustellen. Das sind sich nicht nur die Schiedsrichter selber schuldig, sondern auch die Leistung, die sie für die Bundesliga erbringen. Denn das sind ja Millionen-Entscheidungen. Es geht um die "Big Points", das muss klappen. Dafür sind die Schiedsrichter geschult.

[kaltura id="0_dra7vifl" class="full_size" title="Regel nderungen auch Wunsch der Schiedsrichter"]

SPORT1: Warum kriegen die Schiedsrichter das momentan nicht hin?

Heynemann: Ich weiß nicht, ob sie auf Sicherheit gehen wollen, das heißt lieber mal eine Rote Karte mehr geben, als sich hinterher kritisieren lassen. Wenn das ein, zwei Mal in einer Halbserie passiert, dann passiert es eben, aber in dieser Häufigkeit gibt das schon zu denken. Da muss man selber bei sich die Fehlerquelle suchen, man muss selber eine Persönlichkeit sein, um das zu analysieren.

SPORT1: Fehlt es an der nötigen Selbstreflektion?

Heynemann: Es gab ja einige Beispiele, wo sich Schiedsrichtern trotz Monitor ihre Entscheidung weiter verteidigt haben. Damit waren sie vor 80000 Zuschauern die Einzigen als Schiedsrichter-Team. Da muss Selbstkritik und die Einsicht gegeben sein, dass ich nicht weiter auf meiner rechthaberischen Position beharre, wenn es alle nicht so sehen.

SPORT1: Was stört Sie gerade am meisten?

Heynemann: Ich bin noch viel mit den Vereinen und den Spielern zusammen und höre, dass gesagt wird, die Schiedsrichter sind unnahbar und treten mit einer gewissen Arroganz auf. Wenn man diese Barrieren abbaut, dann hat man ein besseres Verständnis dazu, dann werden auch Entscheidungen besser akzeptiert.

SPORT1: Was muss besser werden?

Heynemann: Die Schiedsrichter sollten sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren das sind die Spielleitungen, ohne nur im Mittelpunkt stehen zu wollen. Das kann nur passieren, wenn man mit den Teams zusammenarbeitet, aufeinander zugeht und dann die Regeln so umsetzen, wie sie vorgegeben sind. Wir brauchen keine neuen Regeln, abgesehen von der Roten Karte-Notbremse-Regel für den Torwart. Ansonsten ist alles beschrieben.

SPORT1: Braucht es den Videobeweis?

Heynemann: Nein. Ob Handspiel oder nicht, ob im Strafraum oder nicht, das würde sich so aufblähen, dass wir um jeden Einwurf streiten. Das Spiel sollte so bleiben, es gibt immer Freiraum für Diskussionen. Das ist ja auch gut so, denken sie an das Wembley-Tor. Die "Big Points" müssen klarer getroffen werden, dann kann man über einen Einwurf getrost streiten.

SPORT1: Müssen die Schiedsrichter besser geschult werden?

Heynemann: Nein, vielleicht ist es auch zuviel des Guten. Oft laufen die Schiedsrichter vor einem Turnier wochenlang zu Hause mit der Puls-Uhr rum, müssen aufschreiben, was sie essen und einen Regeltest bearbeiten. Da wird man verrückt gemacht. Die Mannschaft trainiert auch so auf das Spiel hin. Wenn ich dauernd überlege, dass ich etwas falsch mache, dann gehe ich psychologisch schon falsch in ein Spiel rein. Die Schiedsrichter zur Ruhe kommen lassen und sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Wer Druck hat, soll auf Toilette gehen.

SPORT1: Können Sie noch Einfluss nehmen auf die Schiedsrichter?

Heynemann: Nein, ich kann gar nichts mehr machen. Das ist nicht mehr erwünscht, dass ich beim DFB aktiv bin. Das Thema ist erledigt.

SPORT1: Sie klingen sehr verbittert.

Heynemann: Ja. Das hat auch mit dem Vorsitzenden Herbert Fandel zu tun, der denkt, dass ein WM-Schiedsrichter keine Erfahrung mehr einbringen kann, sondern andere ohne Erfahrung, dann ist das seine Meinung und dann muss ich das akzeptieren. Wenn man 30 Jahre aktiver Schiedsrichter war und 21 davon in der höchsten Spielklasse war dann in einer Art Mobbing nicht mehr zum Stab der Beobachter und Coaches gehört, dann ist das sehr bitter. Aber das ist nicht mehr mein Ding, ich habe mit dem Schiedsrichterwesen nichts mehr zu tun.

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