Bitte wenden!
Es ist erst ein paar Wochen her, dass ich das Buch "Imperium" gelesen habe.
Ein Roman über den deutschen Aussteiger August Engelhardt, den es vor rund hundert Jahren tatsächlich gegeben hat.
Der vegetarische Visionär befindet, grob zusammengefasst, dass die Welt, so wie er sie zu seiner Zeit vorfindet, plemplem ist.
Und er reagiert darauf, wie er es für geboten hält: Er wandert auf eine Südseeinsel aus, um dort Kokosnüsse anzubeten.
Die Idee, sich ausschließlich von nach seiner Schätzung der Gott am nächsten befindlichen Frucht zu ernähren, bekommt ihm allerdings nicht.
Er verkümmert körperlich und geistig und verspeist gegen Ende seine eigenen Daumen.
Der Witz an der Geschichte ist aber der, dass sie implizit die Frage aufwirft, ob das nicht noch die bessere Idee ist im Vergleich zum Geschehen in der richtigen Welt.
Ich denke aktuell gerade wieder über diese Frage nach.
Ob wir uns auch nicht gerade in einer Welt befinden, vor der sich der vernünftig denkende Mensch auf eine Südseeinsel flüchten muss, um dort zumindest allein und ungestört wahnsinnig zu werden.
Einer Welt, in der seltsam angemalte Gestalten sich fähnchenschwenkend auf öffentlichen Plätzen versammeln, um in bizarren Massenveranstaltungen seelenlosen Großbildleinwänden zu applaudieren.
Einer Welt, die nach Schätzungen der Organisation PETA täglich 3,5 Millionen Tiere züchtet, nur um sie allesamt dann unter qualvollen Bedingungen Fußballspiele tippen zu lassen.
Einer Welt, die Menschen, deren Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird, an einsamen Stränden aussetzt, wo sie von Katrin Müller-Hohenstein zum Twittern gezwungen werden, bis der Lauf der Gezeiten sich ihrer erbarmt.
Ich habe - bei allem Respekt für ihre bisherigen Leistungen - schon ein wenig Angst, dass diese Welt sich wundgelegen hat und man sie wenden muss.
Ich tue in diesem Moment, was ich immer tue, um mich von deprimierenden Gedanken abzulenken. Ich lese Zeitung.
Ich nehme das Sonntagsblatt zur Hand und schlage nach, was die wichtigste Frau in unserem Staate zu den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu sagen hat.
Gina-Lisa Lohfink kann mir allerdings auch nur bedingt weiterhelfen.
Sie muss verkünden, dass ihr jüngster Krisengipfel mit J. Agyenim Boateng ohne konkrete Ergebnisse geblieben ist.
Und kann mir nur versichern, dass sie langfristig daran arbeitet, eine bessere Welt zu erschaffen. "Ich will ein Imperium aufbauen", erklärt sie.
Aus irgendeinem Grund denke ich nun an Kokosnüsse.
Und schaue ein paar Sekunden länger als gewohnt auf meine Daumen.