Viele Scheine für falsche Beine
Nach einer desaströsen Saison in der Dritten Liga ist der einstmals ruhmreiche FC Carl Zeiss Jena an einem weiteren Tiefpunkt angekommen.
Zum zweiten Mal nach 2001 spielt der Europapokal-Finalist von 1981 nur noch viertklassig.
Statt gegen AS Rom, FC Valencia oder Benfica Lissabon, die vor 31 Jahren im Pokal der Pokalsieger ausgeschaltet wurden, geht es im Paradies - der Spitzname leitet sich ab vom gleichnamigen Bahnhof in der Nähe des Ernst-Abbe-Sportfeldes - nun gegen Zwickau, Meuselwitz oder RB Leipzig.
Die jahrelange Misswirtschaft der insgesamt zehn Vorstandsriegen seit 1990 verurteilte das Sprungbrett früherer oder aktueller Profis wie Bernd Schneider, Robert Enke oder Tobias Werner (FC Augsburg) zu einem Sturz in die Bedeutungslosigkeit mit gelegentlichen Highlights in DFB-Pokal (Halbfinale 2008) oder Zweiter Liga.
Statt auf die auch nach der Wende exzellente Nachwuchsabteilung zu setzen und ein respektables Dasein als Nischenverein nach dem Vorbild des SC Freiburg oder Energie Cottbus anzustreben, träumten die Verantwortlichen, wie der aktuell schon zum zweiten Mal als Präsident amtierende Rainer Zipfel, von der Rückkehr zu glorreichen Tagen, einem neuen Stadion und bekannten Namen auf dem Spielfeld und der Trainerbank.
Als vor Jahren Eigengewächs Toni Wachsmuth vom Hof gejagt wurde, behauptete Zipfel, man habe jede Menge Nachwuchs-Spieler wie ihn. Auf ihre Ankunft in der ersten Mannschaft warten die leidgeprüften Anhänger in Ostthüringen jedoch noch heute.
Stattdessen kamen hochbezahlte Söldner - zum Beispiel Orlando Smeekes, Sebastian Hähnge - oder ehemals große Namen wie Jan Simak, die weder spielerischen Glanz noch großen Enthusiasmus oder Eifer mitbrachten.
Sie alle erhielten fürstliche Jahresgehälter von 300.000 Euro oder mehr. Dazu kamen diverse Neuanfänge mit namenhaften Sportdirektoren, Managern, Geschäftsführern oder insolventen Sponsoren, die neben sportlichen Misserfolgen vor allem leere Kassen hinterließen.
Noch 2006 lobte der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger die Jenaer Nachwuchsarbeit als "eindrucksvoll" - Wertschätzung erfuhren die Talente aber meist anderswo.
Der kuriose Reigen an Cheftrainern von Valdas Ivanauskas, Frank Neubarth, Wolfgang Frank oder Rene Van Eck bis hin zu den Eigengewächsen Heiko Weber und Henning Bürger traten vollmundig an und verschwanden meist schnell und kleinlaut.
Wenn es doch einmal gut lief, wurden anerkannten Fachleuten die Jena-typischen Intrigen zum Verhängnis. Aus den glorreichen Tagen ist heute nur das wenig hilfreiche, weil sich überschätzende Selbstverständnis als Fußball-Macht geblieben.
Immerhin: Aktuell versucht der einstige Cottbus-Coach Petrik Sander mit einer erfrischend bodenständigen Arbeitsweise einen respektablen Kader zu formieren, der den immer noch zahlreichen Anhängern wieder mehr Identifikation und eine sportliche Perspektive versprechen soll.
Von einem Spitzenplatz in der neuen Regionalliga Nordost oder gar der sofortigen Rückkehr in die Dritte Liga spricht dennoch niemand.
Bis auf wenige Ausnahmen kommen alle Neuzugänge von den eigenen A-Junioren, die im Übrigen in der Bundesliga spielen, oder aus der zweiten Mannschaft.
Nur mit mehr Realismus, weniger persönlichen Eitelkeiten und kontinuierlicher Arbeit ohne Hauruck-Aktionen wird ein Comeback im Profigeschäft gelingen.
Ähnliche Erfolge wie in der Ära des legendären Trainerfuchses Hans Meyer in den frühen 80er Jahren werden wohl aber für immer Luftschlösser bleiben.
Diese Erkenntnis muss sich endlich durchsetzen: Denn auch in Meuselwitz - geschweige denn im Rest der Republik - gibt es allein für Tradition und den Vereinsnamen schon längst keine Geschenke mehr.