Es gibt keinen Javi Martinez
Gespoilert zu sein, ist keine schöne Sache.
Die Älteren unter Ihnen werden dieses Wort womöglich nicht kennen, passiert ist es aber jedem schon mal.
Das kündet man im Freundes- oder Kollegenkreis ganz unbedarft von seiner Vorfreude auf das neueste Kino- oder Theaterereignis - und zack schallt es einem entgegen: "Jaja, ganz famos! Vor allem dass sich am Ende herausstellt... ich hätt's ja nie gedacht."
Die Zuschauerfreude auf die große Wendung ist dahin, missmutig sitzt man am nächsten Tag in seinem Sessel und denkt sich:
"Merkt denn keiner, dass keiner mit Bruce Willis spricht außer diesem Jungen, der mit den Toten redet?" - "Hoffentlich wird er zumindest schön doof gucken, wenn er den Kopf der Freiheitsstatue findet." - "Kapieren die denn nicht, dass ihr feiner Herr Godot nicht mehr kommen wird?"
Ich bin gerade in genau so einer Stimmung. Verärgert. Verstimmt.
Er hatte mich gepackt, der Straßenfeger des Theatersommers. Und dann, kurz vor dem Ende: gespoilert.
Ich meine, man hat es ahnen können, schon klar. Aber muss man es dann gleich machen wie Franz Beckenbauer? Einen derart niedermetzeln mit dem Zaunpfahl?
"Ich kenne den Spieler nicht, habe ihn noch nie gesehen", hat er gesagt. Klar, dass sie einem da klingeln muss, praktisch Sturm klingen, die Erkenntnis, meine ich: dass er ihn ja auch gar nicht gesehen haben kann! Weil es ihn nicht gibt, diesen Javi Martinez.
Wie bitte, Sie haben das nicht gemerkt?
Also, es tut mir ja leid, dass ich Ihnen da jetzt auch noch den Spaß verderbe, aber es ist doch mittlerweile allzu offensichtlich geworden.
Nicht? Ach so: Sie haben doch Fotos von ihm gesehen, Videoausschnitte, biografische Details.
Sie haben doch gehört, wie alle über ihn redeten: Der Uli, der Kalle, der Lothar, der Ottmar, der Effe. Und erzählt haben, wie spannend, wie interessant, wie toll es sein wird, wenn er kommt. Ach ja.
Also bitte, stellen Sie sich nicht dumm: Postmoderne, anyone?
Noch nichts mitbekommen von all den großen Erzählern, die uns auf kunstvolle Weise vorgaukeln wollten, dass Existenz klar ersichtliches ist - nur um dann unter unserer Gewissheit genussvoll den Boden wegzuziehen: Paul Auster? David Lynch? Klaus Wowereit?
Nehmen Sie es nicht so schwer: Wie bei jedem richtig guten Kunstwerk liegt die größere Belohnung ja in der Interpretation der Meta-Ebene.
Wofür steht dieser Javi Martinez? Ist er eine reine Projektionsfläche der ungestillten Sehnsucht des Menschen, all seine Probleme lösen zu können, hätte er nur 40 Millionen auf dem Festgeldkonto?
Oder steckt mehr dahinter: Ist Javi Martinez eine Metapher für Gott? Für den Sinn des Lebens? Für einen ungeklärten Mutterkomplex des Autors?
Vor allem aber bleibt uns allen ja noch die gespannte Erwartung, wie der Erzähler die unvermeidliche Wendung nun inszenieren wird.
Als albtraumhafte, unter Schmerzen einsickernde Illumination des wahrhaft Unwirklichen, die das bürgerliche Leben aus den Fugen wirft?
Oder doch verknüpft mit einer versöhnlichen Botschaft - an den FC Bayern, seine Fans, an uns alle: Wenn Sie tief in sich hineinblicken, werden Sie feststellen, dass Javi Martinez schon immer da war - in Ihrem Herzen.
Und dass das, was wirklich 40 Millionen wert war, die Erfahrungen und die Freundschaften sind, die Sie auf der Suche nach ihm gewonnen haben.
Ach ja.