Denkt an den viereckigen Hai!
Einem der großen Erzähler unserer Zeit verdanken wir zwei denkwürdige Tier-Parabeln.
Über einen Hai, der unter qualvollen Bedingungen eine viereckige Form annahm, als er in das von ihm selbst als Zuhause gewählte Aquarium hineinwuchs.
Und über die Katze, die eine Tapete zerkratzte und dafür mit einem Knüppel geschlagen und als eine Art Fußabtreter vor die Haustür gespannt wurde.
Eine traurige Ballade, die mit einem unvergesslichen Schlusssatz endete: "Ich meine: Hat sie ja selber so gewollt. Klar, bei mir kann jeder machen, was er will."
Es sind traurige Geschichten über Kreaturen, die der vermeintlichen Verheißung einer absoluten Freiheit anhängen - und die tragischen Folgen, die dieser Irrglaube zeitigt.
Und kluge Plädoyers für den Segen einer Gesellschaftsordnung mit klaren Regeln zum Wohle aller.
An Schneiders Gleichnisse ist zu erinnern, in diesen Tagen, in denen das Konzept klarer Regeln mal wieder schwer unter Beschuss steht.
Weil die Anwendung einer solchen Regel gewisse Menschen auf die Idee bringt, dass diese Regel unsinnig wäre.
Im konkreten Fall geht es um den einer tragischen Kreatur, die in einem irrationalen Gefühlsrausch die irrige Idee überkam, sie hätte die Freiheit, sich ihr Trikot auszuziehen und anschließend auf einen Zaun zu springen - um hierfür dann von formeller wie poetischer Gerechtigkeit ereilt zu werden.
Eine Gerechtigkeit, die nun für Groll sorgt unter jenen, denen die Gabe der Hellsicht nicht beschieden ist.
Die von einem "gesunden Menschenverstand" (sic!) parlieren, dem die gerechte Strafe für den halbnackten Zaunspringer widerspreche.
Und die nun einem faulen Kompromiss zwischen den widerstreitenden Konzepten der klaren Regeln und der absoluten Freiheit das Wort reden: Ihr Schlagwort lautet "Ermessensspielraum".
Schon der Name dieser Idee verrät ihre Absurdität: Als wären erwachsene Menschen, die ein erwachsenes Leben zu organisieren haben, noch kleine Kinder, die einen Raum zum Spielen benötigen.
Nicht zu beneiden sind da nun all die Lehrwarte und Obmänner, Kommissions-Vorsitzenden und -Vize-Vorsitzenden, die die höhere Ordnung nun gegen solche Einwürfe zu verteidigen haben.
Die zu erklären haben, dass "eine klare Regelvorgabe existiert", noch dazu von einer so hohen und anerkannten Macht wie den Weltfußballregenten aus Zürich, kann man mit der nicht einfach Schindluder treiben:
"Sonst könnte man anfangen, an jeder Stelle des Regelwerks einfach etwas zu ändern. Dann würde bald jeder Fußball nach seinen eigenen Regeln spielen."
Ein bisschen Ermessensspielraum? Ein bisschen gesundem Menschenverstand? Man kann hätte genauso gut verlangen können, Pandoras Büchse nur ein Stück weit zu öffnen.
Und wir wissen ja alle, was mit Pandoras Büchse geschehen ist.
Klar, haben die Menschen damals nämlich gedacht: Beim Zeus kann jeder machen, was er will.