Im Land der Nicht-Jubler
Fangen wir an mit der klassischen journalistischen Feststellung:
Immer mehr Menschen - Fußballer, in diesem Fall - erlegen sich Jubelverbote auf.
Folgen wir mit der klassischen journalistischen Frage: Was sagt das über unsere moderne Gesellschaft aus?
Wobei, wir können auch einfach ebenso klassisch fragen: Was ist da los?
Wir können uns zurückerinnern an den ersten prominent diskutierten Fall:
Lukas Podolski, der bei einem Tor gegen sein Geburtsland Polen nicht jubeln wollte, "aus Respekt".
Das geht ja auch sehr in Ordnung, auch wenn das natürlich gemayervorfelderte Leserbriefe und User-Kommentare gab - nach dem Motto "Das darf man nicht", verbunden mit der Forderung nach einer Freupflicht aus patriotischen Gründen.
Mittlerweile aber ist das Phänomen längst auch ein paar Bedeutungsebenen tiefer angelangt:
Es ist zu einem Ritual geworden, dass jede Woche mindestens ein Angestellter eines Bundesliga-Klubs, der gegen einen ehemaligen Arbeitgeber spielt, ankündigt, bei einem Tor nicht jubeln zu wollen, "aus Respekt".
Richtig so, sagt da der Hobby-Moralist: Man schlabbert ja auch seine Neue nicht wild ab, wenn man gerade bei der Ex eingeladen ist, aus Respekt.
Hm, sagt da nun wieder der andere Hobby-Moralist: Muss man dort denn stattdessen so tun, als ob die Neue überhaupt keine freudige Emotion auslöst?
Das Motiv des Nicht-Jublers ist dabei natürlich auf jeden Fall edel, wenn es denn Ernst gemeint ist:
Er will sich nicht inszenieren, sondern sich zurücknehmen vor einem größeren Ganzen, vor einem Verbund von Menschen, die bis vor einiger Zeit noch seine Kollegen, seine Chefs, seine Anhänger waren.
Statt sich einfach seiner eigenen, elementaren Sinnesfreude hinzugeben, zeigt er Bewusstsein für das Schicksal der anderen, für die negativen Folgen seines eigenen Tuns.
Und das ist ja auch das Gebot der Stunde in einer Welt, in der uns mittlerweile schon der Kauf einer Viererpackung Joghurt aus dem Supermarkt vor weitreichende moralische Fragen stellt.
Verschärft man damit den Preiskampf im Einzelhandel? Die Existenznot der hiesigen Milchbauern? Den Verfall der einheimischen Esskultur? Die Treibhausemissionen, die bei Produktion und Transport des Bechers anfallen? Die Wirtschaftslage in Bangladesch?
Ein Tor gegen seinen Ex-Verein zu schießen ist eine ähnlich verzwickte Angelegenheit.
Verschlimmert man damit die Abstiegsnot seines Ex-Vereins? Die emotionale Lage der ehemaligen Kollegen, Chefs und Anhänger? Die Gefährung der Arbeitsplätze auf der Geschäftstelle? Die Absatzzahlen der Fanartikel? Und damit wieder die Wirtschaftslage in Bangladesch?
Schon verständlich, dass jemand etwas nicht bejubeln mag, dessen Folgen er gar nicht mehr überblicken kann.
Andererseits, wenn man es mal streng nimmt, ändert man durch das Nicht-Jubeln rein gar nichts an allem.
Man sieht dabei aber immerhin ernst, betroffen und nachdenklich aus.
Mit diesem Gedanken entlasse ich Sie aus der dieswöchigen Kolumne.
Denn weil ich weiß, dass sie auch von ehemaligen Kollegen gelesen wird, möchte ich auf die sonst übliche Schlusspointe verzichten, aus Respekt.