Schildbürger und Sojus
Warum können die meisten Ost-Klubs seit der Wiedervereinigung nicht an ihre teils glorreiche Vergangenheit anknüpfen?
Der Hauptgrund ist die fehlende finanzielle Leistungsfähigkeit aufgrund von Strukturschwäche, fehlender kaufmännischer Cleverness oder nur weniger lukrativer Sponsoren.
Deshalb können eigene Talente nicht gehalten, kaum gute Spieler geholt oder die maroden Spielstätten modernisiert beziehungsweise neu gebaut werden.
Anlässlich des Tages der Deutschen Einheit drängt sich neben anderen Gründen aber ein weiterer großer Nachteil in den Vordergrund.
Die oftmals immer noch feudalen oder an feinstes DDR-Schildbürgertum erinnernden Strukturen in den Verbänden sind von Effizienz oder gesundem Menschenverstand Lichtjahre entfernt.
Bestes Beispiel ist die Wiederholung des Sabotage-Spiels zwischen dem FSV Zwickau und Carl-Zeiss Jena im Sportforum Sojus 31 im westsächsischen Zwickau ( Blog).
Der Ost-Klassiker musste am 1. Spieltag der Regionalliga ausfallen, weil sich Unbekannte an der Tribünenkonstruktion zu schaffen gemacht hatten. Die Partie wurde für den 3. Oktober neu angesetzt.
Jetzt wird es allerdings kompliziert: Denn am Feiertag wurde auch das Achtelfinale im Thüringer Landespokal ausgetragen. Jenas Auftritt in Sondershausen wurde wegen des Nachholspiels auf den 13. Oktober verschoben.
Trotz fußballerischen Niemandslandes und nur weniger Auswärtsfans - Erfurt selbst spricht von maximal 400 - wurde im Verband in Absprache mit dem Thüringer Innenministerium der wahnwitzige Plan diskutiert, Rot-Weiß Erfurts Pokalspiel in Eisenberg ebenfalls zu verlegen.
Denn nur bei gleichzeitigen Anstoßzeiten der beiden rivalisierenden Klubs an verschiedenen Orten könne die Sicherheit garantiert werden.
Das hätte wiederum Eisenberg - die Stadt läge im riesigen Einzugsgebiet von Carl-Zeiss - um das lukrative Pokalspiel gegen die Drittligisten gebracht, wofür extra in ein anderes Stadion ausgewichen wurde.
Offenbar stößt der Thüringer Fußballverband (TFV) schon bei Mengen von nicht mehr als 1000 Zuschauern an seine logistischen Grenzen.
Bereits in früheren Jahren wurden kurzfristig Heimrechte getauscht, zweifelhafte Ansetzungen verteidigt oder Pokalfinals in andere Städte verlegt, um einem der beiden überregional längst nur noch belächelten Traditionsvereine gerecht zu werden.
Leidtragender sind in der Regel neutrale Austragungsorte wie Gera oder Klubs wie der ZFC Meuselwitz, die Jahr für Jahr um sportliche Fairness betrogen werden.
Schließlich geht es um einen Startplatz für den DFB-Pokal, der - dieser Eindruck entsteht bei vielen Beobachtern - Jena oder Erfurt zugeschanzt werden soll.
Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen einmal bei ihren Amtskollegen mit Bundesliga-Standorten erkundigen, dort werden Spiele mit über 60.000 Fans ohne Probleme ausgerichtet.
Im Fußball-Osten lässt man sich dagegen von wenigen Krawallmachern einschüchtern und ist mit lächerlichem Publikumsaufkommen schon heillos überfordert.
Letztendlich wurde sowohl in Zwickau als auch in Eisenberg gespielt. Nirgends trafen gewaltbereite Horden von Carl-Zeiss- und Rot-Weiß-Anhängern aufeinander.
Was blieb, war der ganz normale Verbands-Wahnsinn: Viel Lärm um Nichts.