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Die Flanke aller Flanken: Odonkor im WM-Spiel gegen Polen © imago

Odonkor flankte sich in die Herzen eines ganzen Landes. Dann wurden die Glücksmomente weniger. Nun hat er seine Karriere beendet.

Aus Verl berichtet Christian Geisler

Verl - Mehr Gänsehaut ging nicht.

David Odonkor sauste den rechten Flügel entlang, flankte - und Oliver Neuville vollstreckte im WM-Vorrundenspiel 2006 gegen Polen zum 1:0-Endstand.

Die Szene in der Nachspielzeit machte Odonkor über Nacht berühmt, beliebt, zu einem deutschen Fußball-Helden.

Was folgte, war dann aber ernüchternd: Verletzungspech und unglückliche Vereinswechsel. Auf Dortmund folgte Sevilla, dann ging es für ihn nach Aachen und von dort aus in die Ukraine.

So richtig in Tritt kam der Flügelspieler nie wieder, am vergangenen Donnerstag erklärte er seine Karriere für beendet. Im Alter von nur 29 Jahren,

Nun hospitiert er als Trainer beim SC Verl in der Regionalliga West.

Im Interview mit SPORT1 spricht Odonkor über seine Karriere, sein Verletzungen und seine Zukunftspläne.

SPORT1: David Odonkor, Sie haben Ihre Karriere in Folge vieler Verletzungen beendet. Was sind die Gründe dafür?

David Odonkor: Das rechte Knie hat nicht mehr so mitgemacht, wie ich das wollte. Und deswegen habe ich mich dazu entschieden, dass ich aufhöre und als Trainer weiterarbeite. Du kannst nicht beeinflussen, was dein Körper macht. Wie weit ich gekommen wäre, wenn ich die Verletzung nicht gehabt hätte ? daran darf man gar nicht denken. Aber beklagen kann ich mich nicht.

SPORT1: Waren Sie es Leid, sich immer wieder an die Mannschaft heranarbeiten zu müssen?

Odonkor: Ich bin ein Kämpfer. Ich bin jedes Mal zurückgekommen und habe nie aufgegeben. Das habe ich gezeigt - wie viele Verletzungen ich auch hatte. Aber jetzt habe ich mich dazu entschieden, dass es nicht mehr geht. Und dieser Weg ist der richtige für mich.

SPORT1: Nach Frings, Friedrich, Hitzlsperger und Metzelder sind Sie in diesem Jahr bereits der fünfte WM-Held von 2006, der seine Karriere beendet...

Odonkor: Das Problem dabei ist: Die Jungs, die da alle aufgehört haben sind schon über 30. Aber ich bin erst 29.

SPORT1: Kommen wir zur legendären Flanke auf Oliver Neuville: Was geht einem da durch den Kopf? Realisiert man sofort, was passiert ist?

Odonkor: Für uns als Nationalteam war es wichtig, dass wir dieses Spiel gewonnen haben. Mein Ziel war es einfach, in dem Spiel gut zu spielen und dann ein Tor vorzubereiten ? und das habe ich auch getan. Natürlich ist das Stadion wie eine Bombe geplatzt. Als junger Spieler mit 22 Jahren habe ich das alles im ersten Moment gar nicht so realisiert. Das kam dann erst auf dem Zimmer.

SPORT1: Und wie ist es, für einen Tag der Held der Nation zu sein?

Odonkor: Natürlich ist es schön so umjubelt zu werden. Aber Klinsi und Löw haben mich damals auf dem Boden gehalten., haben gesagt: 'David, du bist ein junger Spieler, mach weiter so, das war gut.' Aber am nächsten Tag musste ich im Training natürlich wieder Vollgas geben. Da hat man nicht daran gedacht was gestern war. Wir hatten die drei Punkte. Aber dann haben wir wieder nach vorne geschaut. Wenn man da abhebt, hat man einen Fehler gemacht.

SPORT1: In der Folge der WM gab es einen Kinofilm, ein Song von Xavier Naidoo wurde zur inoffiziellen WM-Hymne, Sie tauchten in Videospielen auf...

Odonkor: Man freut sich über sowas, wenn man auf der Playstation dabei ist. Natürlich fehlt dann aber auch irgendwann ein Teil beim Videospiel, wenn der Name Odonkor nicht mehr auftaucht. Aber es geht immer weiter und ich möchte jetzt das als Trainer weitergeben, was ich als Spieler in den vergangenen Jahren mitbekommen habe.

SPORT1: Im aktuellen Nationalteam spielen noch einige frühere Weggefährten von Ihnen. Kommt da Wehmut auf?

Odonkor: Ich blicke nicht mit Wehmut zurück. Ich habe das herausgeholt, was ich konnte, was mein Körper mir gegeben hat. Und das waren dann halt die Spiele, die ich gemacht habe. Und nachdenken, warum und weshalb ich nicht mehr dabei bin, mache ich mir nicht.

SPORT1: Sie haben viele Jahre Ihrer Karriere im Ausland verbracht. Welche Erfahrungen haben Sie dort gesammelt?

Odonkor: Wenn man als junger Spieler ins Ausland geht, ist zunächst alles neu. Man kennt die Sprache nicht. Man hat gehofft, dass die Spanier ein wenig englisch sprechen - aber das konnten sie nicht. Das erste Jahr war sehr schwierig, aber die anderen vier Jahre waren sehr gut. Wir hatten ein schönes Leben. Meer, eine schöne Stadt, gutes Essen. In der Ukraine war das anders. Natürlich war auch das eine gute Station. Aber da gab es viel Armut.

SPORT1: Helfen einem diese Erfahrungen auch beim Trainerjob?

Odonkor: Überhaupt nehme ich sehr viel mit aus meiner Karriere. Vor allem, was einem die Trainer mitgegeben haben: Die Übungen, die Aufgaben - das habe ich alles gespeichert und möchte ich jetzt auch umsetzen.

SPORT1: Warum schauen Sie gerade Andreas Golombek vom SC Verl über die Schulter?

Odonkor: Wenn man sieht, wie stark die Regionalliga momentan ist - und der SC Verl hat nicht die Möglichkeiten wie Fortuna Köln oder Lotte ? ist das toll, was hier geleistet wird. Die haben eine junge, starke Mannschaft und was der Trainer bis jetzt gezeigt und umgesetzt hat, ist sehr gut. Das zeigt, dass er Ahnung und ein gutes Händchen hat. Ich bin begeistert von ihm.

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