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Jürgen Klinsmann (r.) entzauberte 1996 Girondins Bordeaux im UEFA-Cup-Finale © imago

In der Saison 1995/1996 kämpft sich Bordeaux vom UI-Cup bis ins UEFA-Cup-Finale. Dort beendet der FC Bayern dann den Lauf.

Von Nils Reschke

Die Bordelais gelten als ein stolzes Volk. Stolz ist man in Bordeaux auf die kulinarischen Köstlichkeiten, stolz auf den gleichnamigen Rotwein.

Und wer etwas im "Hafen des Mondes", dort, wo sich die Garonne wie eine Sichel durch die Stadt zieht, auf sich hält, der ist auch stolz auf die Girondins. Und im idyllischen Südwesten Frankreichs beginnt dann auch das Fußballmärchen.

Die Wiedergeburt der Girondins de Bordeaux, deren Fans nach den fetten 80er-Jahren mit Superstars wie Jean Tigana oder Alain Giresse eine lange sportliche Durststrecke erleiden mussten.

Eine weltmeisterliche Achse

Drei Meisterschaften und zwei Pokalsiege standen alleine von 1984 bis 1987 im Trophäenschrank der Bordelais, ehe der Finanzskandal 1991 zum Zwangsabstieg führte und den Club vorerst in der Versenkung verschwinden ließ. (DATENCENTER: Ligue 1)

Auch die Spielzeit 1994/95 verlief lange nur mittelprächtig. Und das trotz einer Achse gespickt aus Weltklassespielern: Bixente Lizarazu, Zinedine Zidane sowie in vorderster Front Christophe Dugarry, die späteren Europa- und Weltmeister, gehörten zum Aufgebot der Girondins, die den UEFA-Cup verpassten.

Was blieb, war die Teilnahme am "Strohhalm-Pokal?. Und in jenem UEFA-Intertoto-Cup griff Bordeaux seine Chance beim Schopfe, kehrte zurück auf die internationale Fußballbühne, legte den Grundstein für die sportliche Renaissance.

Spaziergang in den UEFA-Cup

Auf stolze 58 Pflichtspiele brachten es die Kämpferherzen von der Garonne in der Spielzeit 95/96. Den Auftakt machte dabei die UI-Cup-Gruppenphase, in der die Bordelais mit ihren Gegnern aus Norrköping (6:2), Odense (4:0) und den Bohemians aus Dublin (2:0) kurzen Prozess machten.

Da konnte man sich zum Abschluss gar ein 1:1 gegen Helsinki leisten. Als dann auch noch Eintracht Frankfurt (3:0) und der SC Heerenveen (2:0) locker aus dem Rennen geworfen wurde, stand das Tor zum UEFA-Cup ganz weit auf. Erst recht, als Zidane und Co. im Karlsruher Wildpark das Hinspiel 2:0 gewannen, sodass im Rückspiel ein 2:2 für den Einzug in den UEFA-Pokal-Wettbewerb reichte. (DATENCENTER: Europa League)

Das Wunder im Parc Lescure

Die ersten Gegner waren undankbar, hatten keine großen Namen. Vadar Skopje und Rotor Volgograd wurden eliminiert, Betis Sevilla dann nach heißem Tanz im Achtelfinale ausgeschaltet.

Im San Siro allerdings schien die märchenhafte Reise durch die entlegensten Ecken Europas beendet, als die Girondins in Italien beim großen AC Milan ein 0:2 hinnehmen musste. Zwei Wochen später, im Parc Lescure wetteten an jenem 19. März 1996 wohl nur noch die kühnsten Optimisten auf ein Weiterkommen der Franzosen. (Mehr Kämpferherz-Texte auf kämpferherz.de)

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und ein früher Treffer von Didier Tholot in der 14. Minute zum 1:0 hielt die Hoffnung am Leben.

Bayern als Spielverderber

Was folgte, war in Durchgang zwei der geniale Auftritt des Christophe Dugarry, der mit seinem Doppelpack (64./70.) den Parc Lescure zum Beben brachte.

Es stand 3:0, Bordeaux hatte tatsächlich Milan ein Bein gestellt, hatte das Halbfinale erreicht. Eher kühl ging es in der Vorschlussrunde zu, als zwei 1:0-Siege gegen Slavia Prag den Endspiel-Einzug bedeuteten. Hier hieß der Gegner Bayern München, das nach einem mühsamen 2:2 in der bayrischen Landeshauptstadt im Camp Nou den FC Barcelona 2:1 besiegte.

Der deutsche Rekordmeister allerdings präsentierte sich als Spielverderber dieses Fußball-Märchens, das nur noch zwei Kapitel zur Vollendung gebraucht hätte.

Wie schon gegen Milan verloren die Bordelais das Auswärtsspiel 0:2. Dieses Mal allerdings konnten sie den Spieß nicht mehr umdrehen. Bayern gewann in Südwestfrankreich ebenso deutlich mit 3:1 gegen das Team des deutschen Trainers Gernot Rohr.

Der Ruf des Geldes

In Bordeaux begann der Ausverkauf. Dugarry, Zidane und auch Lizarazu, der übrigens zu den Bayern wechselte, folgten dem Ruf des Geldes. Vor allem für Zinedine Zidane begann nun in Turin bei der "alten Dame? Juventus seine Weltkarriere.

Die Girondins hatte derweil das Tal der Tränen im verlorenen Finale schnell überwunden. Drei Jahre später feierten die Bordelais den fünften Meistertitel, ehe zehn weitere Jahre später der sechste nationale Triumph unter Dach und Fach gebracht wurde und dazwischen zahlreiche Pokalerfolge. Vergessen war der sportliche Abgrund Anfang der 90er-Jahre. Einem Fußball-Märchen sei Dank. Wenngleich einem ohne Happy End.

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