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Dass sich die Klatsch-Presse nach solchen Geschichten die Finger leckt, ist völlig klar
Mario Balotelli steht vor seinem Debüt für Italiens Nationalelf © imago

Nach der Katastrophen-WM geht Marcello Lippis Nachfolger Cesare Prandelli neue Wege - und holt zwei Skandalcharaktere ins Boot.

Von Martin Hoffmann

München - Roberto Baggio hat sich nicht allzu sehr verändert.

Ergraut war sein Haar schon, als er 2004 unter Standing Ovations von 80.000 Fans im Giuseppe-Meazza-Stadion die große Fußballbühne verlassen hat.

Die sechs Jahre, die er seitdem gealtert ist, sind ihm nicht anzusehen. Aber der mittlerweile 43-Jährige hat sich seit seinem Karriere-Ende auch nicht viel Stress angetan.

Italiens einstiger Fußball-Nationalheld hatte sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen. Er hatte Enten gejagt, meditiert und seinen Garten und seine Farm in Argentinien in Schuss gehalten.

Nun ist er wieder da: Als Technischer Direktor der Nationalmannschaft - aber vor allem als Symbolfigur eines radikalen Wandels der Squadra Azzurra (alle internationalen News).

Gruselfußball soll Vergangenheit sein

Der ehemalige Weltfußballer wird als honorarfrei arbeitender Koordinator ein eher kleines Rad im Getriebe des neuen Nationalcoachs Cesare Prandelli sein.

Trotzdem erwartet die "Gazzetta dello Sport" nicht weniger von ihm, als dass er Italiens darbenden Calcio "wiederbeleben" wird.

Allein die Präsenz des einstigen Stürmergenies nährt die Hoffnung, dass der viermalige Weltmeister den Gruselfußball der WM 2010 schnell hinter sich lassen wird.

Aber Prandelli begnügt sich nicht mit symbolischen Personalien: Schon seine erste Kadernominierung für das Freundschaftsspiel gegen die Elfenbeinküste demonstriert überdeutlich, dass er es mit der Erneuerung ernst meint - und dass er sie radikal angeht.

"Jünger und frischer"

"Jünger und frischer" sei Prandellis Nationalelf, freut sich die "Gazzetta".

Der ehemalige Coach des AC Florenz hat das Durchschnittsalter des Kaders im Vergleich zur WM-Truppe um über drei Jahre von 28,9 auf 25,7 Jahre gesenkt.

Sein Vorgänger, der bekennende Sturkopf Marcello Lippi, hatte von allen kritischen Stimmen unbeirrt, auf das Gerüst des Teams von 2006 gesetzt - mit bekanntem Ergebnis.

Keine gedanklichen Tabus

Dieses morsch gewordene Gerüst ist nun nicht mehr, in die Jahre gekommene Weltmeister wie Gennaro Gattuso oder der jenseits seines Zenits geratene Fabio Cannavaro sind abgetreten.

Prandelli musste das Team also so oder so neu aufbauen. Und er tut es nun ohne die gedanklichen Tabus, die Lippi sich auferlegt hatte.

Der hatte zum Beispiel einen Bogen um eingebürgerte Spieler gemacht. Prandelli dagegen hat nun den gebürtigen Brasilianer Amauri erstmals in sein Aufgebot berufen - auch wenn der Juve-Stürmer erst seit kurzem einen italienischen Pass hat.

Und Prandelli teilt offensichtlich auch nicht Lippis Scheu vor schwierigen Charakteren. Der Beleg dafür sind die Berufungen der Stürmer Mario Balotelli und Antonio Cassano.

Eine Chance für das schlampige Genie

Balotelli, das Super-Talent von Inter Mailand, das bald 20 Jahre alt wird und auf dem Sprung zu Manchester City steht, ist ständig in den Schlagzeilen, weil er immer wieder Zielscheibe rassistischer Fans wird.

Der Sohn ghanaischer Einwanderer ist aber auch berüchtigt als schlampiges Genie mit ausgeprägtem Hang zu Kurzschlusshandlungen und Disziplinlosigkeiten.

Mehrmals hatte ihn der ehemalige Inter-Coach Jose Mourinho deshalb aus seiner Mannschaft verbannt - aber eben auch immer wieder zurückgeholt, weil er eben nicht nur ihn, sondern auch die Gegner so gut plagen konnte. Lippi dagegen hatte die Finger von ihm gelassen.

Cassano, der wildeste Exzentriker

Ähnlich gestrickt ist - sportlich wie charakterlich - Sampdoria Genuas Antonio Cassano, der vielleicht wildeste Exzentriker des vergangenen Fußball-Jahrzehnts.

Die Skandalgeschichten des 28-Jährigen könnten ganze Sammelbänder füllen. Er sagt selbst über sich, er wäre "Räuber oder Verbrecher" geworden, hätte er es nicht zum Fußballstar gebracht.

Doch auch so boten seine "Cassanate" genannten Exzesse Unmengen von Stoff für die bunten Blätter: Er drohte Schiedsrichtern Prügel an, fuhr seinem Ex-Verein Bari den Rasen kaputt.

Einmal baute er einen Unfall mit 180 km/h, als er mit beiden Händen am Mobiltelefon herumspielte und ließ seinen Cousin die Schuld dafür auf sich nehmen.

Ein "Dreckscharakter"

Hinzu kamen - nach eigener Schätzung - "600 bis 700" Frauengeschichten.

In seiner Zeit bei Real Madrid trieb er es so bunt, dass Ex-Präsident Ramon Calderon hinterher giftete, er habe 24 Millionen Euro aus Madrid mitgenommen, dafür dass er "die Geburtenrate gesteigert und die Prostitution zum Blühen gebracht hat".

Cassano bestätigte all diese Storys über seinen "Dreckscharakter" in einer Autobiographie und sinnierte: "In der Nacht, in der ich geboren wurde, waren alle Ärzte betrunken, weil sie Italiens WM-Sieg feierten. Glaubt Ihr, das hat etwas damit zu tun, wie ich geworden bin?"

Mut auch bei der Taktik

Lippi hatte Cassano seit dessen verkorksten Zeit bei Real nicht mehr nominiert - obwohl er in Genua seine Karriere wiederbelebt hat und es abseits des Platzes ruhiger um ihn geworden ist.

Prandelli zeigt Mut bei seinen Personalentscheidungen - und es wird erwartet, dass er den Mut auch bei seiner taktischen Ausrichtung zeigen wird.

Der einstige Juve-Star, der am 19. August 53 Jahre alt wird, hat in Florenz auf offensiven Fußball anstelle der Catenaccio-Kultur gesetzt.

Deshalb setzt die "Gazzetta" darauf, dass das neue Italien unter Prandelli nicht nur jünger und frischer ist, sondern "hoffentlich auch schöner".

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