In Uwe Morawes Kolumne geht es um Derbys und Schiedsrichterentscheidungen. Und die revolutionäre Idee eines unscheinbaren Coachs.

Hallo Fußball-Freunde,

hoch die Tassen, das bisher beste Wochenende der Saison liegt hinter uns. Es wimmelte auf Europas Plätzen nur so vor Spitzenspielen.

In England feiert man die Wiederauferstehung der Spannung und eines Weltklassestürmers. Nach dem 0:2 von Chelsea beim FC Liverpool ist die Meisterschaft wieder offen.

Matchwinner war mit zwei Toren ein fast schon Vergessener: Fernando Torres!

Bei dem hätten wir mittlerweile selbst die Meldung, er habe sich beim Gardinenaufhängen einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen, mit einem müden Achselzucken quittiert, so oft und lange war er verletzt und außer Form.

Bemerkenswerterweise konnte Arsenal den Patzer von Chelsea nicht nutzen. Heimniederlage gegen die Mannschaft der Stunde: Aufsteiger Newcastle United.

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Für mächtig Gesprächsstoff sorgte Tony Pulis, Trainer bei Stoke City. Normalerweise ein unscheinbarer Vertreter seiner Zunft - der Mann erscheint wohl selbst bei der Hochzeit seiner Tochter noch im Trainingsanzug aus Ballonseide.

Nun aber hatte Pulis eine revolutionäre Idee.

Nach vermeintlichen Fehlentscheidungen gegen seine Mannschaft und einem Doppelkorn unterbreitete er folgenden Vorschlag:

Am Ende der Saison mögen bitteschön alle Trainer der Premier League in einer geheimen Abstimmung die Schiedsrichter benoten - und die drei schlechtesten Referees werden gnadenlos ausgemustert!

Spieß umgedreht: Wenn Du jedes Wochenende über meine Jungs richtest, richte ich am Ende über Dich!

Ja, die Schiedsrichter. Auch in Spanien ranken sich seit Jahrzehnten Gerüchte über die Bevorzugung von Real und Barca.

Haben die beiden in dieser Saison gar nicht nötig. Es manifestiert sich die fast immergleiche Geschiche. Die anderen 18 Vereine sind nur Staffage für den Zweikampf der beiden Großen.

Fußball ist halt Männerwelt, Rituale wie in der Steinzeit:

Bewunderung bekommt nur der Speerwerfer, der das Mammut erlegt hat - wer die Treibjagd zuvor erledigte darf später auch essen, doch die Filetstücke sind schon weg - wie so etwas schmeckt, kennen Malaga und Gijon nur vom Hörensagen.

Zugestandender Respekt: Real und Barca treffen im Moment wirklich jeden Gegner zwischen die Augen.

Souveränes 3:1 von Barca bei Getafe - prompt gekontert von Real Madrid in einem leidlich spannenden Derby. Atletico war wie so häufig in den letzten Jahren unterm Strich chancenlos.

Schon in der 19. Minute markierte Mesut Özil den 2:0-Endstand.

Özil wird zurecht schon seit Wochen von den Medien über den im Santiago Bernabeu nicht vorhandenen grünen Klee gelobt - jetzt bekam auch Sami Khedira den Ritterschlag.

Jose Mourinho höchstpersönlich stellte Noten aus und ernannte Khedira zum besten Mann der Partie.

Derby in der Hauptstadt - auch in Italien das Thema Nr.1.

Der überraschende Tabellenführer Lazio unterlag gegen die Roma mit 0:2 - und Schuld war logo der Schiedsrichter.

Einen klaren Elfmeter den Laziali verweigert, der Roma zwei gegeben, das machte den Unterschied.

Durch diese Niederlage des Spitzenreiters haben Inter, Milan und Juve Tuchfühlung aufgenommen - da können Lazios Fans gegen vermeintlichen Betrug wettern, wie sie wollen.

Ob in Bella Italia die revolutionären Ideen des Tony Pulis auf fruchtbaren Boden stoßen, erscheint also fraglich.

Zu groß ist die Tradition eines Netzwerks aus Aufmerksamkeiten gegenüber den Unparteiischen.

Den Calciopoli-Skandal von 2006 mit Zwangsabstieg von Juventus streifen wir nur nebenbei, es gibt eine viel schönere und ältere Geschichte.

EM-Halbfinale 1968 in Neapel zwischen Italien und der UdSSR. 0:0 nach Verlängerung, Elfmeterschießen gab's noch nicht, es musste gelost werden.

Und das geschah unglaublicherweise nicht auf dem Platz, sondern der Schiedsrichter zog sich zum Münzwurf in die Kabine zurück.

Nicht etwa mit den beiden Mannschaftskapitänen, sondern mit den Verbandspräsidenten!

Das Ganze dauerte hinter verschlossener Tür auch noch über 10 Minuten! Die Nummer konnte Italien in Neapel natürlich nicht verlieren...

Die Proteste des sowjetischen Mannschaftsführers Schesternyov verhallten ungehört, er konnte sowieso nur russisch.

Früher war eben auch nicht besser. Und bevor jemand meint, daß diese Geschichte typisch deutsch und besserwisserisch rüberkomme: Der Schiedsrichter hieß Kurt Tschenscher aus Mannheim.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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