Die Leibeigenschaft ist abgeschafft - heißt es. Uwe Morawe sammelt in seiner Kolumne allerdings Beweise fürs Gegenteil.

Hallo Fußball-Freunde,

Hersteller von gulaschartigen Dosensuppen und Betreiber von rustikal angehauchten Gaststätten bewerben ihre Gerichte häufig mit der Bezeichnung "nach Gutsherrenart".

Eine zweifelhafte Reklame. Die Gutsherrschaft hat ihre Wurzeln in der mittelalterlichen Lehnspflicht und erwies sich immer wieder als relativ einseitig.

Was nutzte dem Leibeigenen der propagierte Schutz des Herren, wenn Mongolen, Schweden oder Napoleons einfielen?

Die umgekehrte Verpflichtung von Leibeigenschaft, Frondienst und Abgabe des Zehnten bestand derweil zu jedem Zeitpunkt. In keinem anderen Land hat sich das Bild des abhängigen und unfreien Bauern - sowie des willkürlich bestimmenden Lehnsherren - so nachhaltig in das öffentliche Bewusstsein eingebrannt wie in Russland. Sagt man.

Und damit sind wir beim Fußball: Roman Abramowitsch!

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Einst flog er mit dem Learjet über London, fragte seinen Nebenmann: "Was ist denn das für ein Fußballstadion?... Aha, Stamford Bridge. Muss ich haben!"

Vordergründig sitzt dieser Mann dauergrinsend auf der Tribüne.

Als würde er nur die Hälfte des Geschehens mitbekommen und sich einfach freuen. Doch die Abramowitsch'sche Personalpolitik ist von ausgesuchter Gutsherrenart, Gulaschsuppe nichts dagegen.

Schon zu Amtsbeginn wurde Trainer Claudio Ranieri trotz Vizemeisterschaft entsorgt. Als der Oligarch unabhängig von zwei Meisterschaften in Folge das Gefühl bekam, dass Jose Mourinho den Club nicht zum Gewinn der Champions League führen könne, ersetzte er ihn flugs durch Avram Grant.

Dolles Ding: Avram Grant für Mourinho!

Und nun entließ er das langjährige und verdiente Schlachtross des Vereins, Co-Trainer Ray Wilkins. Ohne Begründung, einfach so, in der Halbzeitpause eines Spiels der zweiten Mannschaft, Gutsherrenart.

Dass Wilkins auf Wiedereinstellung klagen wird, ficht einen Abramowitsch nicht an. Er bestallte Michael Emenalo aus der Scoutingabteilung zum neuen Assistenten, wahrscheinlich stand der zufällig in einer Rauchpause neben ihm.

Herr Emenalo ist Nigerianer und spielte in der Saison 1993/94 bei Eintracht Trier. Chefcoach Carlo Ancelotti kam sich vor wie nach einer Notoperation: Er kennt seine neue rechte Hand überhaupt nicht!

Allerdings weiß Ancelotti, wer diesen Michael Emenalo einst zu Chelsea holte. Avram Grant! Und schlagartig wurde dem Meistertrainer sein eigentliches Verhältis zum Präsidenten bewusst: Leibeigenschaft.

Er habe nicht die Machtfülle eines Alex Ferguson, als Trainer bei Chelsea sei man lediglich Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfe, Zitat Ancelotti. Nach dem peinlichen 0:1 bei Birmingham City und nun drei Niederlagen in den letzten vier Partien sind wir gespannt auf die weiteren Entwicklungen beim Gutshof an der Stamford Bridge.

Einen allmächtigen Präsidenten besitzt auch Inter Mailand. Massimo Moratti kennt sich aus im richtigen Gebrauch des Fischmessers und wirkt durch und durch aristokratisch. Ist ja auch ein Ölbaron.

Seit zwei Jahrzehnten pumpt er Millionen in den Klub. Zuletzt gab es reichlich Rendite mit Meisterschaften und Europapokalsieg. Doch nun droht sein neuer Vermögensverwalter Rafa Benitez den schönen Besitz zu schmälern.

Das muss man erstmal hinkriegen - mit solch einem Kader nur zwei Siege in den letzten neun Ligaspielen, in keinem davon hat Grande Inter mehr als ein Tor erzielt - wie schlecht ist das denn?

Nach der 1:2 Blamage bei Chievo Verona reifte in Massimo Moratti eine Erkenntnis. Ein an der Seitenlinie eingepflockter Besenstiel hätte auch nicht weniger Punkte geholt. Das Champions-League-Spiel gegen Enschede wird zum Ultimatum. Gewinnt Benitez nicht, kommt er in den Häcksler, nach Gutsherrenart.

Torflaute - im Moment eine unbekannte Erscheinung in Barcelona und Madrid. Eher schon Tontaubenwettschießen.

Es wird geballert aus dicken Kanonen. Eine Woche vor dem direkten Duell beantwortet Cristiano Ronaldo einen Hattrick von Messi mit einem Hattrick. Tordifferenz nach zwölf Spieltagen: plus 27 bei Real, plus 25 bei Barca. Noch Fragen? Oh ja!

Warum leben wir in Deutschland eigentlich in so einer Bananenrepublik? Am nächsten Montagabend wird das größte Spiel auf Vereinsebene live in über 200 Ländern übertragen. FC Barcelona gegen Real Madrid!

Und Deutschland ist neben Nordkorea und Vanuatu nicht dabei!

Der Exportweltmeister mutet seinen Fußballfans Panikattacken zu: Wird der Livestream im Internet halten? Bibber, bibber.

Die Möglichkeit, dieses Spektakel mit Freunden in einer Kneipe zu schauen, besteht nur in schummrigen Lokalitäten mit Glückspielautomaten und ausländischen Pay-TV-Sendern.

Zum Essen vielleicht ein Mikrowellen-Döner nach Gutsherrenart. Bei den Aussichten kommt man sich doch vor wie ein Leibeigener.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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