Von Genua über Kiel bis Everton. Uwe Morawe berichtet in seiner Kolumne über die Zukunft der Traditionsklubs auf Spielekonsolen.

Hallo Fußball-Freunde, wohlgeschätzte Primaten!

Speed ist alles.

Das normale fünfjährige Kind von heute kann sich zwar noch nicht die Schuhe zubinden - eine Computermaus bedienen ist aber null Problem. Da macht der Kleine dem Opa allemal was vor.

Von den Alten lernen heißt leben lernen - wer glaubt denn noch an so was? Die rasante Entwicklung spiegelt sich auch auf dem Fußballplatz wider.

Hat jemand tatsächlich mal recherchiert, ob Lionel Messi Vater und Mutter besitzt? Oder ist er von einem Software-Entwickler in die Realität hineingescannt worden? Camp Nou oder Computerspiel - ist doch fast dasselbe.

Auf der Strecke bleibt leider das Geschichtsbewusstsein. Die Historie des Fußballs ist keine 150 Jahre alt, und dennoch sind bereits einige Königreiche zugrunde gegangen.

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Holstein Kiel und VfR Mannheim, Real Union de Irun, Huddersfield Town und Preston North End sowie das lyrisch anmutende Pro Vercelli - sie alle waren einst nationale Champions in den großen Ligen Europas.

Nichts erscheint dümmer als der Spruch "Tradition kann man nicht kaufen". Sieht man doch spätestens bei Manchester City.

Allüberall versuchen die Granden früherer Tage, den Highspeed-Anschluss nicht zu verpassen. In Deutschland etwa Eintracht Frankfurt oder der 1.FC Köln.

Von der Sorte hat England mit Newcastle, Aston Villa, West Bromwich und Wolverhampton eine ganze Hand voll. Allen voran der FC Everton. Das ist mal ein Klub mit Patina für die Mittvierziger unter uns.

108 Jahre in der obersten Spielklasse, so viele wie kein anderer Verein. Als Präsident kein Ölmagnat aus Russland oder Abu Dhabi, sondern ein Theaterintendant.

Und auch wenn Evertons neun Meisterschaften schon etwas zurückliegen, taugen die "Toffees" immer noch als Spielverderber. Durch das 1:1 an der Stamford Bridge stürzten sie Chelsea von der Tabellenspitze.

Dieser Verein hat übrigens ein wunderschönes Vereinslogo - zugegeben nicht unter ästhetischen Gesichtspunkten. Der abgebildete Prince Rupert Tower im Herzen des Stadtteils Everton ist eher eine Bauernkate von Turm.

Ganze sieben Meter Höhe, Platz für maximal 25 Mann und 1787 errichtet als Ausnüchterungszelle für alkoholisierte Radaubrüder. Mann, muss da früher eine Luft geherrscht haben...

Kann es ein schöneres Emblem geben für einen hand- und trinkfesten Fußballfan? Für Spielekonsolenbenutzer hat dermaßen allerdings wieder wenig Kultfaktor.

Dasselbe gilt für das wackere Athletic Bilbao aus der Primera Division. Nicht etwa der FC Barcelona und schon gar nicht Real Madrid war der erfolgreichste Verein in den ersten 50 Jahren des spanischen Fußballs, sondern das wackere Gallierdorf aus Bilbao.

Sogar zu Zeiten Di Stefanos und Kubalas wurde 1956 Athletic spanischer Meister. Und das trotz eines gigantischen Handicaps.

Denn bis heute hat niemals ein Nichtbaske das rot-weiß gestreifte Trikot überziehen dürfen. Auf dem Transfermarkt findet dieser Klub also so gut wie gar nicht statt - außer jemand anderes hat zufällig einen Basken unter Vertrag.

Unter diesen Umständen eine phantastische Leistung, daß man in seiner gesamten Vereinshistorie niemals abgestiegen ist. Doch schade: Bei der daddelnden Playstation-Generation werden für FIFA 2011 Namen wie Mikel Balenziaga Oruesagasti oder Ustaritz Aldekoaotalora Astarloa wohl nie über ein Nischendasein hinauskommen.

Dasselbige fristet mittlerweile auch Luca Toni. Dem schönen Luca fehlt mittlerweile offensichtlich der Speed. Nichts mehr für die neue Erfolgsgeneration. Stilsicher ist er aber immer noch.

Zum Ausklang der Karriere wählte er nicht etwa Dubai oder - buah, buah! - Katar. Nein, der Toni ging zum Urviech unter den italienischen Klubs. Offiziell heißt sein neuer Klub bis zum heutigen Tag "Genoa Cricket and Football Club" und ist der älteste noch heute existierende Verein des ganzen Landes.

Neun Mal wurde der Genoa CFC italienischer Meister - nun ja, letztmals war das im Jahre 1924. Aber vielleicht schlagen die Alten dann doch nochmal zurück: Ein Tor von Luca Toni beim 3:1 Auswärtssieg in Lecce. Auf geht's ihr alten Säcke und Traditionalisten!

Das ist es, ganz bestimmt: Der Beginn der ultimativen Siegesserie bis hin zur Feier der 10. Meisterschaft, Torschützenkönig Luca Toni mit 28 Treffern, ein Wahnsinn - wenn auch nur im Untermenü auf der Playstation.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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