Uwe Morawe beleuchtet in seiner Kolumne die Spielausfälle in England, das Hafenbecken von Neapel und das Missverständis um Barca.

Eine der erstaunlichsten Episoden der Weltgeschichte ist die Tatsache, dass englische Touristen und Geschäftsmänner Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz maßgeblich an der Erfindung des Wintersports beteiligt waren.

Die Engländer! Ansonsten haben die mit Schnee und Eis nichts am Hut, bisschen Bobfahren und Eddie the Eagle.

Schon zu Zeiten des Commonwealth zeigte sich die masochistische Note dieses Völkchens - immer über Sonnenbrand am Meckern, aber ihre Schiffe gingen stets nach Westen, Osten und Süden, jedoch kaum nach Norden.

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Kolonien in Ozeanien, Afrika und Südostasien, bei Cocktails und hochrotem Kopf schwitzen - doch mit den skandinavischen Ländern schmiedete das Empire höchstens durch Hochzeiten Allianzen.

Daran hat auch das technologische Zeitalter nichts geändert. Bei den ersten Schneeflocken macht der Engländer zu wie ein bockiges Kleinkind. Nichts ging an diesem Wochenende im öffentlichen Leben.

Wartende Flugpassagiere in Alufolie gewickelt, verwaiste Fußball-Stadien. Ganze zwei Partien fanden am Wochenende in der Premier League statt. Opfer des Wetters wurde auch das Spitzenspiel Chelsea gegen Manchester United.

Bemerkenswert früh wurde trotz Rasenheizung und Vollüberdachung an der Stamford Bridge dieser Hit abgesagt, so mancher witterte Absicht ob der momentanen Formschwäche der Blues.

Schade allemal, dass dadurch das Dienstjubiläum von Manchesters Teammanager Sir Alex Ferguson nicht auf dem Rasen gefeiert wurde. Er ist nun länger im Traineramt als die Vereinslegende Sir Matt Busby.

Ferguson wurde ob dieses Tatbestands zitiert: "Kann ich gar nicht glauben, bei Busby hatte ich immer das Gefühl, dass er seit ewigen Zeiten auf der Bank sitzt!"

Wir auch bei dir, Sir Alex! Glückwunsch zu so viel Sitzfleisch. Über 24 Jahre auf dem selben Stuhl, Respekt!

Eine derart lange Strecke wird Rafa Benitez bei Inter wohl nicht erleben. Trotz des Weltpokalsiegs spekuliert man offen über seine Entlassung.

Auch sonst ging es in Italien turbulent zu. Der AC Mailand verlor zu Hause gegen die Roma - goldener Torschütze Marco Boriello.

Der ist eine Leihgabe von Milan an die Römer. Doch bevor wir hier die fünftausendste "Ausgerechnet"-Schallplatte auflegen eine viel nettere Geschichte über den gebürtigen Neapolitaner Boriello.

Im Frühjahr war ich mit meinem Kollegen Giovanni Cosentino beim Champions-League-Spiel ManUnited gegen Milan. Mit dabei auch unser gemeinsamer Freund, der Strandbar-Besitzer Sergio, ein Trumm von Mann mit weithallender Stimme.

Wir saßen auf Sechzehner-Höhe, ca. 40. Minute, Milan absolut chancenlos. Da platzte Sergio der Kragen und er beschimpfte lauthals Boriello mit einem Schimpfwort, das es in dieser konkreten Form nur im Hafenbecken von Neapel gibt.

Richtung Schlappschwanz oder Weichei. Und Boriello zuckte zusammen! Blickte irritiert in die Runde, von wo der Ruf aus seiner Kindheit stammte, erwartete scheinbar Haue von einem großen Bruder oder so.

Ein einziger Zwischenruf in einem 75.000-Mann-Stadion - habe ich so zuvor nie erlebt.

Und auch sonst herrscht wieder Leben im Hafenbecken von Napoli. Welch eine Woche! Zweimal in vier Tagen derselbe Spielfilm. Wie in der Europa-League bei Steaua Bukarest gelang auch gegen Lecce der 1-0 Siegtreffer erst in der Nachspielzeit. Dazu der identische Torschütze Edinson Cavani.

Jetzt, da alle wissen, dass der Uruguayer mit Vornamen Edinson und nicht wie früher fälschlicherweise oft behauptet "Edison" heißt, wird der Junge immer selbstbewußter.

17 Tore in 25 Pflichtspielen, der SSC Neapel hat nur noch drei Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze.

Titelträume reifen beim Klub, der im Sommer 2005 noch gegen Avellino am Zweitliga-Aufstieg gescheitert war. Fragt sich nur, ob Cavani gehalten werden kann.

Dummerweise gehören die Transferrechte immer noch dem US Palermo, es darf gepokert werden. Schon ein Wechsel im Januar erscheint möglich, die Kandidatenliste ist die übliche.

Cavani vielleicht schon Anfang 2011 bei ManCity, Chelsea, Liverpool oder dem FC Barcelona.

Und damit sind wir bei der Übermannschaft der Hinrunde. Schon letzte Woche war in dieser Kolumne der FC Barcelona das große Thema.

Dabei gab es erfreulich viele Reaktionen und manches Missverständnis. Gerade zum Thema Barca zu Zeiten des Franco-Regimes wurde unter Euch kräftig diskutiert.

Hier möchte ich eines nochmal klarstellen:

Natürlich war Franco ein finsterer Geselle, der viele Regionen wie das Baskenland oder Katalonien politisch beschnitt und ihnen einen Großteil der Autonomie nahm. Das ist unbestritten.

Deswegen bis heute die Emotionalisierung und Leidenschaft beim Clasico. Meine Kernfrage war lediglich, ob auch der Verein FC Barcelona ähnlichen Beschränkungen und Einschritten unterworfen war.

Mir sind keine politischen Eingriffe wie Absetzungen von Präsidien, Zwangstransfers von Spielern, Abführung von Vereinsgeldern o.ä. bekannt. Im Gegensatz zu anderen Diktaturen scheint mir das Franco-Regime den Sportbereich relativ unangetastet gelassen zu haben.

Aus meiner Sicht können da Vereine wie MTK Budapest, Austria Wien, Juventus Bukarest, BSG Empor Lauter, Chemie Leipzig oder Union Berlin durchaus andere Klagelieder anstimmen.

Doch vielleicht irre ich mich dabei: Diskussion eröffnet und erwünscht.

Sportlich ist Barca momentan sowieso das Maß aller Dinge. Die Art und Weise des Fußballs ist einfach nur begeisternd.

Oder wer es etwas nüchterner mag: ein Blick auf das Torverhältnis genügt - 51:9!, so etwas findet man sonst nur in Jugendtabellen.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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