Kolumnist Uwe Morawe erklärt die Rückkehr von Arsenals Fabregas - und warum Chelseas Ancelotti vielleicht zum Arzt sollte.

Wohl kaum ein Berufsstand hat in den letzten Jahren dermaßen an Achtung verloren wie die Erben des Hippokrates.

Einst Halbgötter in Weiß wird heutzutage selbst beim einfachsten Schnupfen noch misstrauisch eine dritte Ärzte-Meinung eingeholt.

Dieser Wertewandel beeinträchtigt selbstverständlich auch die Metaphorik des Fußballs. Einst wurden Trainern heilende Kräfte, chirurgische Präzision oder gar die Fähigkeiten eines Medizinmanns zugesprochen.

Das ist selten geworden - vielleicht auch besser so...

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"Cesc Fabregas hat seinen Oberschenkel im Hinterkopf!" - so sprach Arsene Wenger unter der Woche. Anatomisch höchst bemerkenswert.

Aber wir wissen ja, wie der schlaue Franzose es meint: Sein Arsenal-Kapitän scheint dem selben Chromosomen-Topf entstiegen zu sein wie Arjen Robben.

Neun verletzungsbedingte Ausfälle hatte Fabregas die letzten 14 Monaten zu erdulden, zumeist muskulärer Art.

Wie wichtig der Mann für seine Mannschaft ist, sah man dann im Spitzenspiel gegen den FC Chelsea.

Erstmals seit vier Wochen in der Startelf war Fabregas sofort wieder der entscheidende Schluck Medizin für seinen Verein. Ein Tor und eine Vorlage beim brustlösenden 3:1 gegen den Stadtrivalen.

Was hatten all die Arsenal-Fans zuletzt in ihren Körper hineingehorcht. Psychosomatik, sag' ich nur.

Die Mannschaft konnte einfach die großen Spiele nicht mehr gewinnen. Seit Jahren dasselbe Krankheitsbild, chronisch geradezu.

Gegen Chelsea hatten die Gunners die letzten fünf Begegnungen allesamt verloren. Auch die Bilanz gegen Manchester United ist seit Jahren niederschmetternd.

Dazu das allfrühlingshafte Allergiker-Symptom: Viertelfinal-Aus in der Champions League.

Nach dem Triumph über Chelsea gab Wenger zu, dass der bohrende Selbstzweifel schon lange schwer und muffig in der Kabine hing - und dieses 3:1 könne unter Umständen das große Durchlüften gewesen sein.

Und vielleicht war es sogar noch mehr: eine Zeitenwende im englischen Fußball. Denn neben Fabregas wirbelte ein 18jähriger im Mittelfeld: Jack Wilshere! Wow! Rule Britannia! England besitzt wieder ein Ausnahmetalent.

Wilshere ließ seinen Gegenspieler Frank Lampard im Wortsinne alt aussehen. Oder wieder jung, als Lampards Spitzname zu West-Ham-Zeiten noch "Fatty" war...

Mit einem behäbigen Lampard und einem müden Drogba war der Titelverteidiger unterm Strich chancenlos.

Nach 10 Spieltagen noch souveräner Tabellenführer - mit fünf Punkten Vorsprung! - erleidet Chelsea die ausgeprägteste Schwächeperiode seit mehr als zehn Jahren.

So ist das eben, wenn man einem Körper das Herz herausreißt: Die miese Chelsea-Serie begann zeitgleich mit der willkürlichen Entlassung von Co-Trainer Ray Wilkins durch Roman Abramowitsch.

Wilkins war einer der wichtigsten Leute im Verein: als Bindeglied zwischen Fans, Mannschaft und Cheftrainer Carlo Ancelotti.

Ancelotti sollte sich in seiner Heimat schon mal nach einem neuen Hausarzt umsehen: Denn in den nächsten Tagen wird Abramowitsch aus dem Urlaub zurückerwartet.

Ob der Patient Chelsea duch derartige Behandlungsmethoden wieder auf die Beine kommt erscheint fraglich - das Team wirkt überaltert und hat die besten Zeiten wohl hinter sich.

Und damit sind wir bei Rafael Benitez, dem entlassenen Inter-Coach. Irgend etwas ist da in letzter Zeit schiefgelaufen: Nach dem Champions-League-Sieg 2005 gefeiert wie einst Professor Bernard, erscheint Benitez mittlerweile wie eine selbstmitleidige olle Oma im Pensionsstift.

Die Pressekonferenz nach dem Gewinn des Weltpokals missbrauchte er, um ein triefendes Lied zu trällern.

Unter falschen Versprechungen sei er zu Inter Mailand gelockt worden, Präsident Moratti habe ihm die vier zugesagten Neuzugänge nicht bewilligt... Schluchz.

Unter diesen misslichen Umständen habe selbst er, Rafa Benitez, die sportliche Talfahrt nicht stoppen können... Schnief. Wenn man seinen Wunder wirkenden Händen vertrauen würde, ja dann - aber so... Schneuz.

Was folgte, war ein eiseskalter Handschlag Morattis - und tschüss.

Diese unerträgliche Leier hatte Benitez bereits in den Abbey-Road-Studios in Liverpool angestimmt.

Dabei wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß er dort selbst zur Saison 2009/2010 noch satte 45 Millionen Euro für neue Spieler zur Verfügung hatte.

Benitez brauchte dieses hübsche Sümmchen für lediglich zwei Akteure auf: 20 Millionen für Rechtsverteidiger Glen Johnson, 25 Millionen für den defensiven Mittelfeldmann Alberto Aquilani.

Da blieben Inter Mailand ja Top-Transfers erspart...

Vielleicht sollte Benitez mal zum Arzt. Denn das wirkt mittlerweile fast so, als habe der gute Rafa einen ausgewachsenen Femur im Hinterkopf (ist lateinisch und heißt übersetzt: Oberschenkel).

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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