Kolumnist Uwe Morawe bewertet die Situation bei Liverpool - und erklärt, warum Xavi nie Weltfußballer des Jahres wird.

Ich gebe es offen zu: bislang war ich kein großer Fan von Twitter. Der Name klingt mädchenhaft, und was man davon mitbekommt, wirkt arg belanglos.

"Habe mir gerade eine tolle Jeans gekauft!"

"Treffe um 14h Helene, die aus der 6b."

Eher was für Backfische und Softie-Jungs, so dachte ich.

Doch Twitter ist nicht zu unterschätzen und speziell beim FC Liverpool ein ganz großes Ding.

[image id="f591a85a-636c-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Zugegeben, so wie die momentan Fußball spielen, kommt das mit den Softies eigentlich doch hin. Auch wenn der Ton rauer ist als Vogelkehlen.

Jüngst hatte Fernsehexperte Paul Merson im TV angemerkt, dass Rechtsverteidiger Glen Johnson seine 23 Millionen Euro Ablösesumme nicht wert sei. Vom Tatbestand her nachvollziehbar und im Ton sachlich vorgetragen.

Daraufhin zwitscherte Glen Johnson auf seiner Piepmatz-Page: dieser Merson sei ja krank, ein Alkoholiker und Kokainabhängiger. Dieser Vollprolet sei auf Fernsehauftritte angewiesen, da er all sein Geld verzockt habe. Ein Clown!

Nebenbei: Johnson selbst ist vor zwei Jahren wegen Diebstahls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er im Baumarkt einen Toilettensitz gestohlen hatte.

Die 0:1-Niederlage seiner Reds im FA-Cup in Manchester verpasste der Rechtsverteidiger wegen der bevorstehenden Geburt seines Kindes.

Mit dabei im Old Trafford war hingegen ein anderer Twitter-Freund des FC Liverpool: Ryan Babel.

Wie gewohnt eingewechselt und wirkungslos hatte Babel zumindest wie alle anderen erkannt, dass der entscheidende Elfmeter eine Fehlentscheidung von Schiedsrichter Howard Webb gewesen war.

Und was macht da ein echter Kerl wie Ryan Babel? So richtig hart drauf? Jawoll, er twittert wutentbrannt in den Orbit! Lass es raus, Boy!

Keine zwei Stunden nach Abpfiff - also wohl noch im Mannschaftsbus - war das Werk vollbracht. Auf Babels Twitter-Page prangte eine billige Foto-Montage: Howard Webb im Trikot von Manchester United.

Also das ist ja mal gewitzt, das ist böse. Dieser fiese Howard Webb aber auch, menno!

Pfiffikus Babel hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass der englische Fußballverband mittlerweile einen 25-köpfigen Operationsstab altgedienter GEZ-Eintreiber angestellt zu haben scheint.

Jegliche Internet-Aktivitäten aller im weitesten Sinne mit Profifußball Beschäftigten werden rund um die Uhr überwacht! Scheint zumindest so. Jemand entdeckte den Pubertätsanfall auf Twitter, es wird nun offiziell gegen Ryan Babel ermittelt. Eine lächerliche Geschichte, wohin man auch schaut.

Was bei all dieser Twitterei verloren geht, ist der persönliche Kontakt. Man schreibt von sich selbst oder übereinander, redet jedoch nicht Aug in Aug.

So wie es früher einmal war, zum Beispiel bei King Kenny. Als der neue Liverpool-Coach noch der kleine Kenny Dalglish war, hatte er die Aufmerksamkeit von Celtic Glasgow erregt.

Trainerlegende Jock Stein überließ nichts dem Zufall und schickte seinen Assistenten Sean Fallon unangemeldet zu Hause vorbei. Mal schauen, wie das 16-jährige Talent wohnt.

Es macht klingeling bei Dalglishs, die Mutter ruft: "Ein Herr von Celtic möchte dich sprechen!" - Panik bricht aus. Denn Kenny war ein Rangers-Fan! Die ganze Dachschräge mit Mannschaftsfotos des Erzrivalen vollgepflastert. "Einen Moment noch, Herr Fallon!"

Den gesamten Wandschmuck in zwei Minuten runtergerissen und unterm Bett verstaut, der Assistenztrainer wundert sich über Tesafilmreste auf nackter Tapete - aber immer noch besser als diese Poster von lauten Rockbands.

Der erste Profivertrag wurde noch in der Wohnung vom braven Kenny unterzeichnet.

Es war der Beginn einer Weltkarriere - mit den heutigen elektronischen Informationsflüssen wäre dies derart nicht passiert.

In Spanien dasselbe Lied, nächste Strophe: Real Madrid und der FC Barcelona marschieren allen anderen davon. Real mit Mühe im Verfolgerduell gegen Villarreal, Barca gewohnt leichtfüßig. Nach dem mühelosen 4:0 in La Coruna ging es mit voller Kapelle und zwei Learjets zur Verkündung des Weltfußballers des Jahres.

Es musste einer von ihnen sein: Xavi, Iniesta oder Messi. Mit Messi traf es dann trotz der persönlich verkorksten WM (0 Tore in fünf Spielen) sicherlich keinen Unwürdigen.

Der Junge ist von einem anderen Stern und wird uns Irdische weiter beglücken. Aber bei dieser Wahl geht es doch um die Bewertung des vergangenen Jahres, oder etwa nicht?

Und da waren andere Spieler bedeutender und einflußreicher: Eto'o, Sneijder, Iniesta, und allen voran Xavi!

Ohne ihn wäre Spanien niemals Weltmeister geworden, ohne ihn wäre der FC Barcelona nicht der unumstrittene Maßstab im Weltfußball.

Xavi gibt Barca und der Nationalelf so viel Seele wie kein anderer. Weil er bescheiden ist. Weil Xavi Xavi ist.

Mag Messi der individuell bessere und spektakulärere Spieler sein, Xavi hätte es als herausragender Mannschaftssportler für das Jahr 2010 verdient gehabt.

Weltfußballer wird Xavi nie mehr werden. Diese Auszeichnung erhielt bisher fast ausschließlich die Hauptwerbefigur von adidas oder Nike - und das nahezu abwechselnd, seltsam wie?

Man weiß einfach, wie diese Veranstaltungen ablaufen. Vor zwölf Jahren kommentierte ich für SPORT1 die damals noch kleinere FIFA-Gala.

Gerd Müller wurde dabei in die Hall of Fame der FIFA aufgenommen. Schöne Geschichte, endlich erhält der Gerd weltöffentlich den Respekt, den er verdient, dachte ich Naivling.

Und wer kommt urplötzlich auf das Sepp-Blatter-Podest, um die Ehrung stellvertretend für Gerd Müller entgegenzunehmen? Der bühnenerprobte, durchgesponsorte und repräsentablere Franz Beckenbauer.

Wahrscheinlich bedeutet Xavi eine andere Ehre vor zehn Tagen ohnehin mehr. Xavi ist nun Rekordspieler des FC Barcelona, er hat Defensivmann Migueli an Einsätzen überholt, mit gerade 30 Jahren.

Mal ehrlich, den aus den Archiven hervorgekramten Namen Migueli kannte wohl kaum einer von uns. Leicht überdurchschnittlicher Verteidiger, typisch der 80er-Jahre-Pornobalken im Gesicht, untypisch blonde Haare und blaue Augen.

Laut seines damaligen Trainers Udo Lattek nagelte Migueli auf alles, was ihm in den Weg kam. Vornehmlich Männerschienbeine und Frauenröcke.

Ein richtiger Twitter-Aal sei er gewesen, dieser Migueli. Sagt der Lattek!

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel