In seiner Kolumne erklärt SPORT1-Experte Uwe Morawe, was Superstar Cristiano Ronaldo zum Publikumsliebling fehlt.

Es liegt in der Natur der Beute, dass sie zuweilen - anstatt sich den Forderungen des Raubiers zu beugen - darauf beharrt, unerwartete Schwierigkeiten zu machen.

Nicht nur die Jagenden haben laut Darwin ihre Zähne und Klauen stetig geschärft. Auch die sich der Opferrolle Widersetzenden verbesserten stetig ihre Mittel der Täuschung, Tarnung und Überraschungsmomente.

Und so geschehen ab und an wunderliche Dinge.

Almeria spielt als Tabellenletzter Unentschieden gegen Real Madrid. Almeria hat bisher ganze zwei Ligaspiele gewonnen. Almeria spielt Schicksal!

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Die Meisterschaft in Spanien scheint durch dieses schmucklose Unentschieden vom Wochenende entschieden, gell?

Durchaus vorstellbar, daß der FC Barcelona seine ausstehenden 18 Spiele gegen die restlichen Vereine allesamt gewinnt - das direkte Duell im Santiago Bernabeu könnte bedeutungslos werden.

Es ist die Saison der Rekorde. Typischerweise stellt Barca eine neue Bestmarke im Kollektiv auf, Real eine individuelle.

17 Siege, nur ein Remis und eine Niederlage, dazu 61:11 Tore: Eine derartige Bilanz gab es in der Primera Division noch nie. Genauso wie die 22 Treffer von Cristiano Ronaldo in der Hinrunde. Uraltrekord von Ferenc Puskas ausgelöscht.

Phantastische Saison des Portugiesen, doch wir warten immer noch auf die Beantwortung der Frage, was dieser Typ eigentlich für'n Typ ist.

Ein sich zufällig in einen Mannschaftssport verirrter Einzelkönner oder irgendwann doch ein Teamleader? Scheinbar wusste schon sein Vater, welch Eizelle er befruchtete.

Der zweite Vorname "Ronaldo" wurde im Elternhaus dos Santos Aveiro bewusst gewählt, weil der Herr Papa glühender Verehrer von Ronald Reagan war - und zwar nicht von dessen politischem Wirken, sondern Reagan war sein absoluter Lieblingsschauspieler.

Wohl deswegen die zelebrierten Cowboy-Auftritte vor jedem Freistoß.

In seiner Zeit bei Manchester United schaffte es Cristiano Ronaldo zum Weltfußballer, die Fans nahmen seine Tore und Vorlagen gerne mit, doch in die Herzen spielte sich Ronaldo nicht.

Vom Status einer Vereinslegende wie Duncan Edwards, Bobby Charlton, George Best, Bryan Robson oder aktuell Ryan Giggs blieb Ronaldo stets entfernt.

Ob er die königliche Ahnengalerie von di Stefano, Gento, Michel, Butragueno, Hierro und Raul verlängern kann, bleibt abzuwarten. Mit 25 Jahren hat Cristiano Ronaldo noch Zeit, irgendwann von einem Topspieler zu einer vereinsprägenden Figur zu werden.

Einer wie Inters Kapitän Javier Zanetti! Wow, was für ein Spieler!

Mit seinen 37 Lenzen vielleicht sogar noch fitter als weiland Lothar Matthäus erlebt Zanetti nun schon seinen 16.Trainer beim FC Internazionale.

Und die Aufholjagd unter Leonardo lässt sich mit vier Auftaktsiegen optimal an. Zanetti feierte beim 4:1 über Bologna einen Vereinsrekord: 519 Spiele in der Serie A, Bestmarke von Guiseppe Bergomi eingestellt.

Bei all dem Kommen und Gehen im San Siro beschleicht einen bei Zanetti die Empfindung, als sei er immer schon da gewesen. Liegt vielleicht auch an seiner zeitlosen 50er-Jahre-Oberkellner-Frisur. Wie eine befrackte Bedienung im Eiscafe Venetia.

Damit könnte der Argentinier locker an der Seite von Caterina Valente und Silvio Francesco agieren, falls jemand die beiden noch kennt.

Bei Inter wird Zanetti nur "Il Capitano" genannt, sagt schon alles. Oft sogar zu bescheiden, macht er kein großes Aufhebens um seine Person.

Zanetti ist der älteste Torschütze in der Geschichte der Champions League, weiß so gut wie keiner. Im Finale gegen Bayern München waren Sneijder und Milito vordergründig die Matchwinner, doch die Schlüsselfigur hieß Javier Zanetti.

Entscheidender taktischer Schachzug von Mourinho: er stellte Zanetti gegen Schweinsteiger, Zanetti dominierte Gegenspieler und Mittelfeld - damit unterband Inter Bayerns wichtigstes Mittel, die Pässe auf Arjen Robben. Das ging in der Berichterstattung unter.

Und Zanetti ist keiner, der auf öffentliche Wertschätzung pocht. Klaglos nahm er zweimal einen ungeheuerlichen Vorgang hin.

Wir deutschen Fußballfans sollten uns vielleicht nochmal an einem Montagabend in Leipzig versammeln, Dankgottesdienst.

Wie konnten die Herren Pekerman und Maradona auf die Schapsidee kommen, diesen phantastischen Spieler im letzten Moment aus ihrem WM-Kader zu kicken?

Ist 2006 und 2010 in identischer Art passiert, ohne Grund, ohne Sinn, vor allem ohne Nutzen - für die Argentinier. Mit einem Zanetti auf deren Seite hätte es in den beiden Viertelfinalspielen anders ausgesehen, bin ich mir ziemlich sicher.

Auf derartige Weise, lieber Cristiano Ronaldo, werden Vereinslegenden gestrickt.

In England haben wir glücklicherweise bis in die Neuzeit keinen Mangel daran - der bereits erwähnte Giggs, dazu Scholes, Gerrard und Carragher oder ein John Terry. Sie alle stehen in der Tradition des Treuesten aller Treuen: dem Preston Plumber!

Der heute 88-jährige Tom Finney gilt als bester Fußballer aller Zeiten, der nie auch nur einen Titel gewinnen konnte.

Sein Geburtsort war sein Schicksal. 150 Meter entfernt von einem Fußballstadion auf die Welt gekommen, war Finneys Weg vorbestimmt. Es war nicht das Old Trafford oder Anfield, sondern das Deepdale, die Spielstätte des kleinen Preston North End.

Nachdem er kurzerhand für Feldmarschall Montgomery die Deutschen aus Afrika vertrieb, konnte er aufgrund des Zweiten Weltkriegs seine Profikarriere erst mit 24 Jahren starten.

Was heißt hier Profikarriere? Zeitlebens arbeitete Finney im elterlichen Betrieb als Klempner, deswegen sein Spitzname "Preston Plumber". Seine zehn durchschnittlichen Mitspieler führte Tom Finney zu zwei Vizemeisterschaften und in ein verlorenes FA-Cup-Finale, die Vitrine blieb leer.

Bis vor zwei Jahren saß der rüstige Rentner noch im Vereinspräsidium.

Schön zu sehen, daß man in England eine Lebensleistung nicht an der Anzahl von errungenen Titeln festzurrt.

Ende der 90er wurde Tom Finney in den Adelsstand erhoben, anno 2004 wurde vor dem Museum der FA eine Statue eingeweiht: die von Sir Tom Finney, dem großartigsten aller - auf den ersten Blick - erfolglosen Fußballer.

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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