SPORT1-Experte Uwe Morawe beleuchtet in seiner Kolumne das derzeit inflationäre Treiben auf dem internationalen Transfermarkt.

Die römische Legion war ein militärischer Großverband aus schwerer Infanterie und kleineren Spezialabteilungen.

Ganz schön großer Haufen so eine Legion, gut 6000 Mann brauchte man dafür, und Rom hatte zu seiner Hochzeit fast 70 davon.

Aus diesem Bedarf erwuchs schnell ein fortpflanzliches Problem.

Da die Römer stets auswärtig Krieg führten, blieb kaum Zeit und Muße, für den nötigen militärischen Nachwuchs zu sorgen.

Nichtrömische Hilfsverbände mussten her, und die Römer, nicht dumm, konzentrierten die auswärtigen Talente in deren Spezialgebieten.

Da gab's echte Rastellis. Nubische Bogenschützen oder balearische Schleuderer - ein heutiger Mittelstürmer auf dem Transfermarkt nichts dagegen.

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Welch bitteres Schicksal für diese antiken Ausnahmekönner, was momentan in ihrem Namen im Fußballgeschäft unterwegs ist.

War der Begriff "Legionär" in den 50er Jahren noch romantisch geprägt - Helmut Hallers Sommersprossen unter Italiens blauem Himmel - ist er mittlerweile an Schimpfwort kaum zu überbieten.

In der Premier League erleben wir einen neuen Blütestand.

Allen voran natürlich Manchester City. Die haben ihren Kader im Januar wieder auf gefühlte 48 Mann ausgedehnt, militärischer Großverband. Allerdings ohne Schlagkraft.

Das 0:1 gegen Aston Villa bedeutet wohl das Aus für die Citizens im Titelkampf.

Und EDIN - "der AC Mailand war schon als Kind mein Lieblingsverein" / "Juventus Turin ist mein absoluter Traumklub" / "Bayern München wäre eine große Ehre für mich" - DZEKO wartet immer noch auf sein erstes Tor für den Verein, für den er immer schon spielen wollte.

Denn City hat in Manchester ja viel mehr Fans als United. Sagt das bosnische Chamäleon Edin Dzeko.

Torschütze für Aston Villa war übrigens ein wandelndes Paradoxon, ein einheimischer Legionär!

Innerhalb von 48 Stunden war der Wechsel von Darren Bent aus Sunderland über die Bühne gegangen. Für satte 30 Millionen Euro, aber nicht ohne knarzende Nebengeräusche.

Sunderland-Trainer Steve Bruce griff den Berufskollegen Gerard Houllier scharf an wegen unlauterer Methoden, Houllier habe ihn wegen des Interesses an Bent nicht mal angerufen.

Der Franzose konterte mit einem "warum auch?", der Transfer sei auf Präsidiumsebene glatt abgelaufen. So weit in Ordnung von Houllier, doch dann drückte er auf die Tränendrüse.

Er sei immer wieder Gegenstand derartiger Attacken, nur aufgrund des Tatbestands, daß er ein Ausländer sei, ein Gallier und kein echter Römer. Arg billig, finden wir.

Desweiteren an diesem Wochenende zu bestaunen:

Der brabantische Blitzewerfer Robin Van Persie mit einem Hattrick gegen Wigan, der iberische Hämmerer Fernando Torres mit einem Doppelpack in Wolverhampton und der ivorische Kanonier Didier Drogba mit einem Traumtor in Bolton.

An letzterem ist seit kurzem auch Real Madrid interessiert, genauer ausgedrückt dessen Trainer Jose Mourinho. Unter der Woche polterte königliches Geschirr.

Nach dem 1:1 in Almeria insistierte "The Special One", nun müsse ein Ersatz für den langzeitverletzen Gonzalo Higuain her.

Zufälligerweise stellte Sportdirektor Valdano gerade die Personalkosten für den Lohnsteuerjahresausgleich beim Finanzamt Madrid zusammen und stolperte über den Namen des Angestellten Karim Benzema.

"Hola, lieber Jose, wir haben in den eigenen Reihen einen Topstürmer, den du gar nicht zu kennen scheinst." Merkte Valdano an. Kam nicht gut an.

Mourinho besitzt ja nur zwei Aggregatszustände, Eisschrank oder Durchlauferhitzer, Gefrier- oder Siedepunkt.

Es kochte. Er könne sich schon vorstellen, die laufende Saison bei Real noch zu beenden.

Die allhalbjährliche mourinho'sche Rücktrittsdrohung, kennen wir schon von Chelsea und Inter. Zieht immer noch.

Valdano kuschte kleinlaut, er habe sich nie in die sportlichen Belange einmischen wollen, alleinige Sache von Mourinho, selbstverständlich.

Und meist geht das Leben viel weniger verschlungene Pfade, als der Mensch gemeinhin glaubt.

Real Madrid bezwingt Mallorca mühevoll mit 1:0, umjubelter Torschütze: Karim Benzema. Und alle dürfen sich als Sieger fühlen.

Valdano, weil er den entscheidenen Namen aufs Tapet brachte. Und Mourinho, weil er wie immer schon immer wusste, wie es kommen würde. Der Trainer hat auf den richtigen Mann gesetzt, claro!

In der Serie A baute der AC Mailand mit einem 2:0 über Cesena seine Tabellenführung aus und profitierte von der ersten Niederlage Inters unter dem neuen Trainer Leonardo, ein 1:3 bei Udinese.

Bemerkenswert, was sich in den letzten Monaten bei Milan tut. Die Mannschaft als Spiegelbild des Präsidenten.

Jahrelang versuchte Silvio Berlusconi mit Botox und Skalpell dem Alter zu trotzen, genauso wie der in den Verfallsdatumsbereich gekommene Kader.

Plötzlich fällt der Name Berlusconi ausschließlich im Zusammenhang mit jugendlichem Frischfleisch - und schon zieht sein Verein nach. In Milanello ist eine komplett neue Fuhre eingetroffen.

Sokratis Papastathopoulos, 22 Jahre, Rodney Strasser, 20 Jahre, und aufgepasst, lieber Silvio: ein Minderjähriger stand im Aufgebot, der 17-jährige Simone Calvano.

Mittendrin in Milans Jungbrunnen auch ein Deutscher: Alexander Merkel.

Das ist die Aschenputtelgeschichte der Saison. In Kasachstan geboren, in Stuttgart aufgewachsen, ging Merkel voller Selbstvertrauen mit 16 Lenzen zum Weltverein AC Mailand. Und es funktioniert!

Mit jetzt 18 Jahren agiert Merkel auf der Spielmacherposition des siebenfachen Champions-League-Siegers. Nicht irgendwo als Rechsverteidiger oder so, nein, als Regisseur.

Und der Junge ist mit tollen Leistungen drauf und dran, sich den Stammplatz zu erobern.

Das wäre ein weiterer Beleg für den erfreulichen Aufschwung des deutschen Fußballs. Nach Özil mit Merkel ein weiterer 10er bei einem europäischen Spitzenklub.

Vorausgesetzt, der DFB verschnarcht es nicht, denn Alexander Merkel ist auch für Kasachstan und Russland spielberechtigt.

Und deren Verband durchforstet im Hinblick auf die WM im eigenen Land momentan alle Möglichkeiten.

Also, mach hinne, Jogi Löw: Merkel wählen!

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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