SPORT1-Experte Uwe Morawe bewertet in seiner Kolumne den letzten Tag der winterlichen Transferperiode in der Premier League.

Kunstfasern sind an Wasserresistenz und Festigkeit den meisten Naturmaterialien überlegen. Aber wehe es zündelt.

Blaue Flamme mit gelblichem Rand, schäumende Blasenbildung und irreparable schwarzbraune Ränder.

In Liverpool wurden Montagabend massenhaft Kunstfasern verbrannt, kleine Scheiterhaufen, immer mit dem selben Kleidungsstück: rotes Polyamidtrikot mit der Nummer 9.

Die Hexe der Moderne hört an der Merseyside auf den Namen Torres.

Über den gesamten Tag hatte sich bei den Fans des Noch-Rekordmeisters die Wut und Enttäuschung aufstauen können: hektischer Transfer-Liveticker auf allen Sport-Online-Portalen.

Stundenlang überlagerte die Torres-Saga alle anderen gut 50 (!) Spielerwechsel der drei Profiligen in den letzten 24 Stunden.

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14:46 Uhr: Privatjet auf Liverpooler Flughafen gesichtet; Abramowitsch?

15:12 Uhr: Andy Drury wechselt von Luton Town nach Ipswich, ist ja'n Ding.

15:21 Uhr: Guilherme Barajo bestätigt, Torres noch in Liverpool, Transfer geplatzt. Wer ist der Mensch? Ach so, Bekannter von Ex-Trainer Benitez.

15:46 Uhr: Wechsel von Marouane Zemmama von den Hibs zu Boro perfekt; wen interessiert denn so was?

...

17:16 Uhr: Andy Carroll besteht Medizincheck beim FC Liverpool, Ablösesumme 40 Millionen Euro... Ablösesumme was? Andy Carroll...Ablösesumme... was?

...

19:53 Uhr: Liverpool und Chelsea bestätigen Einigung von Torres-Transfer über 60 Millionen Euro Abstandszahlung.

Wir gehen dann mal nicht auf die Straße zum Kunstfasertrikotverbrennen, sondern versuchen die Sache nüchtern zu betrachten.

Fernando Torres hatte zu Beginn zwei phantastische erste Jahre beim FC Liverpool, tolle Tore, sofort Publikumsliebling. Doch unterm Strich hat der Spanier mit den Reds keinen Titel gewonnen.

Und die letzten 18 Monate war Torres verletzt oder unübersehbar unmotiviert. Für diesen Stürmer der letzten anderthalb Jahre solch eine Summe einzustecken, guter Deal für Liverpool.

Chelsea hofft natürlich, den früheren Torres eingesackt zu haben. Ich habe da meine Zweifel. Die Entwicklung bei "El Nino" erinnert ein wenig an Julen Guerrero.

Guerrero galt Mitte der 90er Jahre als größtes Talent Europas, schoß mit 20 Lenzen 18 Ligatore für Athletic Bilbao, und das als Mittelfeldspieler.

Sein letztes von fast 50 Länderspielen machte Guerrero im Alter von 26 Jahren, völlig ausgebrannt ging eine vielversprechende Karriere früh zu Ende.

Zugegeben, Worst-Case-Szenario, logisch kann Torres die Kurve noch kriegen - aber im Hier und Jetzt satte 60 Millionen Cash auf die Hand... das Risiko liegt eher auf Chelseas Seite.

Fragwürdig erscheint die Reinvestition des schönen Geldes in Andy Carroll.

Zum Überblick die Liste der teuersten Spieler aller Zeiten: Cristiano Ronaldo, Ibrahimovic, Kaka, Torres, Zidane, Figo, Crespo und nun ganz weit vorne: Andy Carroll!

Für die WM im letzten Sommer war der Junge nicht einmal von der Lokalpresse in Newcastle eingefordert worden.

Nach jetzt guten elf Saisontoren machte der Vergleich mit Alan Shearer superfix die Runde, ist in Newcastle naheliegend. Dabei ist Andy Carroll ein ganz anderer Typ als Shearer, als Stürmer und Mensch.

Mit 22 Jahren hat Andy Carroll bereits fünf Strafanzeigen gegen sich angehäuft: das bekannte Muster von Kneipenschlägerei über sexuelle Belästigung.

Andy Carroll kennt das Gefühl elektronischer Fußfesseln auf nackter Haut. Man darf gespannt sein.

Auf der zweiten Stürmerposition hat Liverpool auf alle Fälle einen Sprung nach vorne gemacht. Mit Luis Suarez von Ajax wurde ein Topmann geholt.

Ein anderer hätte auch gerne, konnte aber nicht.

Es waren wahrlich nicht die Wochen des Harry Redknapp, Trainer von Tottenham Hotspur.

Old Red Harry ist ausgewiesener Freund der süßen Dinge des Lebens. Auch Schokolade und Karamel. Und damit fing vor 14 Tagen die Pechsträhne an.

Am Madrider Flughafen wurde Redknapp beim Pralinenkauf ausgeraubt, 600 Euro futsch und die lästige Frage: was macht Redknapp eigentlich in Madrid?

Zurück in England schrieb der umtriebige Coach seine allwöchentliche Zeitungskolumne. Desaster Nummer zwei.

Redknapps Thema war die Sorge um seinen Ex-Verein West Ham United.

Die wollen das Londoner Olympiastadion nach den Spielen 2012 übernehmen, Redknapp riet dringend ab, Fußball mit Aschenbahn sei nicht Hammers-Style, die Auslastung der großen Schüssel nicht gewährleistet, West Ham würde in eine Negativspirale geraten.

Dumm nur, dass jeder in England weiß, daß Tottenham ebenfalls für das Olympiastadion bietet. Der Artikel ging voll nach hinten los, diesen billigen Bluff des möchtegern-cleveren Redknapp hätte selbst Boris Becker am Pokertisch durchschaut.

Vollpleite Nummer drei folgte mit dem peinlichen 0:4 der Spurs im FA-Cup beim FC Fulham.

Und der Montag war einer der schwärzesten Tage im Trainerleben des Harry Redknapp. Die sichergeglaubte Verpflichtung von Sergio Agüero von Atletico Madrid platzte - aha, deswegen der Pralinenkauf!

Okay, Harry hatte noch Telefonnummern. Also wollte er Diego Forlan loseisen, ebenfalls Atletico. Wenig kreativ und ebenfalls erfolglos.

Redknapp wurde hektisch. Was ist mit Charlie Adam, Shootingstar der Saison von Blackpool? Überzogenes 20-Millionen-Euro-Angebot hingelegt - abgelehnt! Für wen halten die sich denn?

Der Spurs-Coach ging weitere Optionen durch, Rossi aus Villarreal, Negredo vom FC Sevilla. Nix zu machen.

Am Ende ein letzter verzweifelter Versuch.

Wahrscheinlich wollte Redknapp nur die Dimensionen des bösen Karmas der letzten Tage ausloten. Er schickte an den FC Everton ein Angebot für den 34-jährigen Phil Neville.

Nur um die bösen Geister zu vertreiben, denn was will Tottenham ernsthaft mit Phil Neville?

Wenigstens einen neuen Spieler präsentieren, und sei's nur der olle Neville, bei dem muss es doch klappen.

Die erschütternde Antwort kam per Fax: No, Harry, no!

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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