SPORT1-Experte Uwe Morawe blickt in seiner Kolumne auf einen sensationellen Spieltag in der Premier League zurück.

Egal, wieviel Moschus du im Schweiß hast. Uninteressant, ob du dir zwölf Anker hast eintätowieren lassen. Selbst der härteste Matrose wird an jedem Tag einmal zur billigen Tussi.

"Was ziehe ich heute an?" Schon beim Besitz von nur zwei T-Shirts gibt es kein Entrinnen aus dieser Frauenfrage - auch für das XY-Chromosom.

Am Samstag hatte ich bei der täglichen Auswahl aus 100 Trikots und 25 Trainingsjacken eine Vorahnung: Heute sind sie fällig!

Beim morgendlichen Überstreifen des bewußt ausgewählten Wolverhampton-Wanderers-Tracktops nahm die erste Saisonniederlage für Manchester United bereits Form an, gefühlt zumindest.

Auch für Sir Alex Ferguson gibt es kein Entrinnen aus der Matrix der Vergangenheit, dachte ich.

Da können die Wolves Tabellenletzter sein und United ungeschlagener Spitzenreiter, wurscht. Im Molineux hat Manchester eine schlechtere Bilanz als an der Anfield Road oder sonstwo: nur 10 Siege bei 22 Niederlagen, heute sind sie fällig!

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Nach den ersten Spielen des total verrückten Samstags in der Premier League schwand der Glaube an meine prophetischen Gaben.

Wahnwitzige 38 Tore in sieben Partien, der Vorrat an Sensationen schien für das Wochenende aufgebraucht.

Everton gewinnt 5:3, Robert Huth erzielt in den letzten drei Minuten einen Doppelpack zum Sieg für Stoke City - und Newcastle holt gegen Arsenal nach einem 0:4 noch das Unentschieden. Es regierte der Irrsinn.

Selbst dem um Analysen nie verlegenen Arsene Wenger blieb nur der hilflos gestammelte Satz: "Der Fußball hat seine eigenen Gesetze". Der 25-Meter-Handgranatenzielweitwurf hat auch seine eigenen Gesetze. Interessieren nur keinen.

Dann also das Abendspiel zwischen Wolverhampton und Manchester United.

Das war in den 50er Jahren der absolute Kracher in England, die Wolves wurden in dieser Dekade dreimal Meister, genauso oft wie die legendären Busby-Babes.

Und Wolverhampton besaß sogar einen höheren Glamourfaktor. Kapitän Billy Wright (übrigens der erste Fußballer weltweit mit über 100 Länderspielen) war der David Beckham unserer Großelterngeneration: Verheiratet mit Sängerin Joy Beverley von den Beverley Sisters, wow.

Heute steht eine Bronzestatue Billy Wrights vor dem Molineux-Stadion. Samstag 20:20h wurde sie zum Zittern gebracht, Abpfiff. Wolverhampton gelingt die Sensation, 2:1-Erfolg gegen Manchester United. Im fernen Deutschland war jemand stolz auf seine Kleiderwahl.

Das aufgeputschte Duell zwischen Chelsea und Liverpool verkam indes zum Langeweiler.

Fernando Torres blieb wie seine neue Mannschaft blaß. Nach seinem Wechsel zu Chelsea hatte Torres noch gejammert, das vergangene halbe Jahr in Liverpool sei eine Qual gewesen, einer wie er ohne Champions-League-Fußball, quasi Fisch ohne Wasser.

Tja, lieber Fernando, wenn es dumm kommt, schnappst du nächste Saison wieder mit den Kiemen.

Denn für Chelsea erscheint nach dem 0:1 gegen Liverpool die Gefahr größer, nur Fünfter zu werden, als die Aussicht auf die Titelverteidigung.

Diese ist für den FC Barcelona weiterhin eine morgendliche Fingerübung auf dem Klavier.

Atletico Madrid, immerhin amtierender Europa-League-Champion, wurde 3:0 weggebügelt.

Dieses Team von Barca weiß um seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Ein selbstsicheres Auftreten wie einst Real Madrid in den 50ern, Ajax oder Bayern in den 70ern oder der AC Mailand zwischen 1988 und 1995.

Lionel Messi war mit drei Toren mal wieder der Matchwinner. Bei Dauerrivale Real Madrid freute man sich über das Ende der 448-minütigen Torflaute von Cristiano Ronaldo und einen überzeugenden Mesut Özil.

Das Gesamterscheinungsbild der Primera Division bleibt allerdings eher sauerstoffarm. Die 18 anderen Vereine nur Bühnenkulisse für ein Titelduell, das bereits entschieden scheint - spannend ist anders.

Zum Beispiel das Meisterschaftsrennen in Italien. Der AC Mailand mit dem zweiten Unentschieden in Folge, Napoli macht Boden gut und von hinten drückt Inter Mailand. Ein packender Dreikampf bahnt sich für das Saisonfinale an.

Bemerkenswert der neue Stil von Inter unter Trainer Leonardo.

Nun ja, wir nennen das der Einfachheit halber mal "neuen Stil", denn die vielen Gegentore können nicht im Sinne des brasilianischen Coaches sein. Zu-Null-Spiele liefert Inter fast gar nicht mehr ab, geradezu einzigartig in der langen Vereinsgeschichte.

Am Wochenende ein furioses 5:3 über den AS Rom. Wesley Sneijder erzielte beim seinem Comeback nach monatelanger Verletzungspause gleich ein Traumtor.

Das kann ja was geben in der Champions League gegen Bayern München. Ich tippe auf ein Weiterkommen der Italiener nach dem Tennisergebnis von 6:4 und 7:5.

Geradezu erschreckend bleibt in der Serie A der Zuschauerzuspruch.

So langsam muß der Begriff "Tifosi" überdacht werden. Die Partie Brescia gegen Bari war höchstens was für Börsenpekulanten, denn nach den Gesetzen des Marktes könnten die Preise für die gedruckten Eintrittskarten dieses Fußballspiels vom 5.Februar 2011 in den nächsten Jahren explodieren.

Das Ticket Brescia-Bari als moderne Blaue Mauritius - es gibt nur ganze 3000 davon. Mehr Zuschauer waren es nicht im Stadio Mario Rigamonti. Sogar bei FSV Frankfurt gegen SC Paderborn kommen mehr.

Doch bevor Sie sich in Erwartung einer hübschen Rendite bei Ebay mit Karten dieses geisterhaften Fußballspiels eindecken, seien Sie sich wie bei jeder Geldanlage des Risikos bewußt: Die Angebotsseite wirkt aufgrund seiner Knappheit verlockend.

Bleibt nur das Problem mit der Nachfrage..

Bis nächste Woche,Euer Uwe Morawe

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